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Was ist Ökofeminismus? Eine Analyse.

Wäre die Klimakrise genauso schlimm, wenn Frauen nicht strukturell unterdrückt werden würden? Nein, unterstellt der Ökofeminismus. Was ist dran?


von Ricarda Schwarzbart


© Jolanda Zürcher



Seit Anna-Lena Baerbocks Rede zur feministischen Außenpolitik, die in den sozialen Medien Wellen schlug, scheint dieser Begriff stärker in die Aufmerksamkeit politischer Debatten gerückt zu sein. Daneben gibt es weitere politikprägende Sachthemen, deren feministisches Verständnis es sich zu untersuchen lohnt. Besonders interessant ist die feministische Interpretation der Nachhaltigkeitsbewegung, dem sogenannten Ökofeminismus.


Die ökofeministische Prämisse

Der Ökofeminismus stellt eine jüngere Philosophieströmung dar und wurde 2005 in Frankreich entwickelt. Ausgangspunkt einer ökofeministischen Analyse ist eine tiefgehende Kritik am patriarchalen Kapitalismus, denn laut dieser Philosophie hängt die Umweltkrise mit der Unterdrückung von Frauen zusammen. Durch das kapitalistische Wirtschaftssystem werde die Umwelt für finanzielle Profite ausgebeutet.


Ferner beruht der Ökofeminismus auf der Annahme, dass weltweit patriarchale Gesellschaftsstrukturen bestehen, innerhalb derer Frauen in unterschiedlichem Maße unterdrückt werden. Insbesondere wird ihre Arbeitskraft in unbezahlten Arbeitsbereichen – etwa der sog. „Care-Arbeit“ – ausgebeutet. Diese unbezahlte Arbeit bilde oftmals das Rückgrat kapitalistischer Funktionsweisen und werde wie eine unendliche Naturressource vorausgesetzt. Dies wiederum beruhe auf einer heteronormativen und kleinfamilienorientierten Lebensvorstellung. Patriarchale Denkweisen führten darüber hinaus zu einem Überlegenheitsdenken, das es als selbstverständlich ansieht, Umwelt, Tiere und Frauen grenzenlos auszunutzen.


Dabei seien auch Männer Leidtragende und dem Druck des kapitalistischen Narratives ausgesetzt, das Produktivität und Versorgerstellung mit Männlichkeit verbindet. Das wiederum kann einen hohen Performancedruck auslösen und für psychische Probleme verantwortlich sein.


Ein weiterer bemerkenswerter Umstand der patriarchalen Gesellschaftsstruktur sei die Objektivierung und damit einhergehende Ausbeutung von Frauenkörpern. Systematisch werde hier die Selbstbestimmung der Frau über ihren Körper durch anhaltende Debatten über ihre reproduktiven Rechte beeinträchtigt. Dies beruhe auf der Logik, dass Frauen aufgrund ihrer Gebärfähigkeit automatisch als Hauptadressatinnen für Fürsorgefragen einzustehen haben.


Der ökofeministische Ansatz

Der Ökofeminismus bringt eine Ökonomiekritik hervor, die soziale Reproduktion als zentralen Wirtschaftssektor beschreibt und diesen problematisiert. Welche Ausmaße das tatsächlich annimmt, zeigen die Zeitbudgetstudien verschiedener Länder im internationalen Vergleich. In der Schweiz etwa: Dort weist die unbezahlte Care-Arbeit von Frauen eine Bruttowertschöpfung in gleicher Höhe wie die des gesamten Finanzsektors auf. Und wie wird sie entlohnt? Richtig, gar nicht.


Nachhaltigkeit ohne Benachteiligung

Ausgehend von diesem Problemkreis versucht der Ökofeminismus nun der Bestimmung des Nachhaltigkeitsbegriffes zu begegnen. Das ist der erste Schritt, um die Politik dementsprechend auszurichten, um Gesetze zu schreiben, deren Interpretationen sich später nach dieser Definition richten werden. Das aktuelle Verständnis von Nachhaltigkeit entspringt primär der Ökologiebewegung, die sich dem Ziel der Pariser Klimakonferenz verschrieben hat: Die Erderwärmung möglichst auf 1,5 Grad zu beschränken und eine kohlenstoff- und treibhausgasfreie Wirtschaftsweise zu erwirken.


Wie kann also Nachhaltigkeit gedacht werden, wenn im bestehenden Diskurs Begriffe wie Fortschritt oder Wachstum immer noch durch die Geschlechterhierarchie geprägt werden? Nach wie vor werde heimlich vorausgesetzt, dass im Privaten unentgeltliche Frauenarbeit geleistet wird. Für den Kapitalismus stellt diese reproduktive Frauenarbeit ein Selbstverständnis dar. Gleichermaßen selbstverständlich: die Möglichkeit unendlichen Wachstums, ohne Rücksicht auf die Endlichkeit natürlicher Ressourcen nehmen zu müssen.


Die ökofeministische Debatte offenbart, dass ein Verständnis von Nachhaltigkeit, das nur darauf gerichtet ist, bestehende kapitalistische Wirtschaften zu konservieren, zu kurz greift. Vielmehr bestünden umfassende Defizite, die sich insbesondere in dem Ausschluss von Frauen und anderen strukturell benachteiligten Gesellschaftsgruppen von Wohlstandsentwicklungen äußern.


Somit sei für das Erreichen wirtschaftlicher Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit erforderlich, dass die kollektive Übergabe der reproduktiven Sozialverantwortung aus den Händen der Frauen genommen werden muss.


Aktuelle Bedrohungen

Wir müssen Alternativansätze finden, die unsere Vorstellung von nachhaltiger Wirtschaft und umfassender Gerechtigkeit prägen – und der Ökofeminismus versucht, solche aufzuzeigen. Die aktuellen klimatischen Entwicklungen zeigen: Viel Zeit bleibt nicht. Tatsächlich verschärft der Klimawandel bestehende Ungerechtigkeiten für Frauen und Kinder immens – in vergleichbarer Weise wie Kriegsgeschehen oder die Coronakrise.


Dieses Jahr ist ein neuer Bericht des Weltklimarates (IPCC) erschienen. Die Berichte des IPCC liefern die Grundlage für die weltweite Klimapolitik und werden von hunderten Expert:innen verfasst. Der aktuelle Bericht hält fest, dass sich die Erde bereits auf 1,1 Grad erwärmt hat, wofür die Industrienationen und ihre Wirtschaften kausal verantwortlich sind. Der IPCC-Bericht legt ferner dar, dass durch die bisher eingetretenen Erwärmungen vor allem Kinder und Frauen im globalen Süden betroffen sind – beispielsweise, weil sie längere Laufwege zur Wasserbeschaffung auf sich nehmen müssen.


Naturalisierung von Heterosexualität

Eine aus dem Ökofeminismus entspringende Alternative zu der kapitalistischen Vorstellung der Reproduktionsverhältnisse könnte der Ansatz von Queer Ecologies sein. Unter diesem Ansatz soll das heterosexuelle Vorstellungsbild von Reproduktion dekonstruiert werden. Die Annahme, dass heterosexuelles Sexualverhalten naturwissenschaftlich als „normale“ Form gelte, soll abgelöst werden. Denn diese Annahme liefert gerade die Legitimierung der bestehenden Ausbeutung von Frauenarbeit im Care-Bereich. Der Begriff der Naturalisierung erscheint in diesem Diskurs essenziell und stellt eine Argumentationstechnik dar, wie sie sich auch in der Veganismusdebatte wiederfindet. Unter Naturalisierung versteht man eine Argumentationstaktik, nach der von Menschen geschaffene Ordnungen als naturgegeben und deswegen als legitim dargestellt werden. Das einzige Argument: „Das haben wir schon immer so gemacht.“ Am Ende ist das Naturalisierungsargument natürlich eine Nebelkerze, die über die Ablieferung von sachlich belastbaren Argumenten hinwegtäuscht.


Männliches Engagement

Ein weiteres Problem, das der Ökofeminismus adressiert, ist das geringere Engagement von Männern in Nachhaltigkeitsbewegungen. Hier sei ein unmittelbarer Zusammenhang zu patriarchalen Denkweisen erkennbar. Denn alles, was stereotyp als weiblich aufgefasst werde, werde langfristig abgewertet. Hierzu gehören auch Attribute wie Mitleid, Empathie, Demut, die oft die Motivation für einen Einsatz für Natur, Artenvielfalt und grenzüberschreitende Solidarität darstellen. Das geringere männliche Engagement ist faktisch belegbar. Laut einem Papier der Universität Chemnitz waren beim ersten Klimastreik 70 Prozent der 1,6 Millionen Streikenden weiblich. Studien zeigen, dass Männer im Alltag dazu neigen, umweltschädigende Verhaltensweise beizubehalten: beispielsweise recyceln sie weniger und weisen einen größeren Kohlenstoff-Fußabdruck auf als Frauen.


Das Ende des Dualismus

Um der aufgezeigten Problematik zu begegnen, fordert der Ökofeminismus, dass sich die Menschen als Teil der Umwelt begreifen und etwa von Männlichkeit bestehende Stereotypen aktiv dekonstruiert werden.


Dass ein radikales Umdenken notwendig ist, macht der aktuelle IPCC-Bericht deutlich. Alok Sharma, Präsident des UN-Klimagipfels COP26 schlussfolgert daraus, dass wir uns ein längeres Warten schlicht nicht leisten können. Ein aktives Arbeiten an der eigenen Empathiefähigkeit scheint hierfür unumgänglich. Verantwortungs- und Fürsorgearbeit soll von geschlechtlichen Zuschreibungen gelöst werden, um eine Grundlage für eine wahrhaftig nachhaltige Ökonomie zu schaffen.


Manche befürchten, dass die durch den Ökofeminismus aufgestellte Forderung nach mehr Gleichberechtigung eine zusätzliche Belastung für Nachhaltigkeitsanstrengungen darstellt. Der Ökofeminismus sieht diese Problematik vielmehr als Chance, eine gerechtere und nachhaltigere Zukunft zu schaffen. In Anbetracht, der sog. „knowledge-action gap“ kann der Ökofeminismus eine Vision liefern, die die Menschen gesamtgesellschaftlich zur Implementierung von Klimamaßnahmen motiviert.