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Animal Farm

„All Animals are equal – But some animals are more equal than others.“

Dieser viel diskutierte Satz ist wohl das bekannteste Zitat aus George Orwells „Animal Farm“ von 1945. Die von Orwell selbst „fairy story“, also Märchen, titulierte Geschichte erzählt von den Geschehnissen auf einer englischen Farm. Mit ihrer Analogie zur Entwicklung der UdSSR wirft sie interessante rechtliche Fragestellungen auf und ermöglicht eine Analyse von Demokratie und Diktatur. Was unterscheidet diese Herrschaftsformen, wie entstehen verschiedenartige Diktaturen und ab wann kann man überhaupt von einer Diktatur sprechen?


von Jonas Heilemann


© Fabian Hassel


Die von dem Farmer Mr. Jones geplagten Tiere der Manor Farm werden von dem Schweineältesten, Old Major, zu einer Rebellion inspiriert. Nach dessen Tod führen die Schweine Napoleon und Snowball den Aufstand an. Schnell übernehmen sie die Macht über die Farm, verjagen Mr. Jones und gründen die „Animal Farm“. Zunächst führen die Tiere ein besseres Leben als zuvor. Ihr Alltag wird durch die „Sieben Gebote“ geregelt, die sich die Tiere selbst geben. Sie stellen einen normativen Rahmen für das Zusammenleben der Tiere dar und grenzen sie zudem von den Menschen ab.


1. „Was auch immer auf zwei Beinen läuft, ist ein Feind“

2. „Was auch immer vier Beine oder Flügel hat, ist ein Freund“

3. „Kein Tier soll Kleidung tragen“

4. „Kein Tier soll in einem Bett schlafen“

5. „Kein Tier soll Alkohol trinken“

6. „Kein Tier soll ein anderes Tier töten“

7. „Alle Tiere sind gleich“


Kurz darauf beginnt sich die Gemeinschaft der Tiere jedoch zu ändern. Über anfänglich kleine Privilegien entwickeln sich die Schweine zu der führenden Klasse auf der Farm. Gleichzeitig führen schlechte Ernten und der immer wieder scheiternde Versuch, eine Windmühle zu errichten, zu Nahrungsknappheit und Verdruss auf der Farm. Napoleon setzt sich schließlich gegen Snowball als alleiniger Herrscher durch. Mit Hilfe seiner Hunde übernimmt er gewaltvoll die Macht und zwingt die Tiere unter immer schlechteren Bedingungen zu leben. Schnell wird dabei die Lebensqualität unter Mr. Jones unterschritten. Gleichzeitig entwickeln sich die Schweine immer mehr in Richtung ihrer alten Feinde und übernehmen menschliche Verhaltensweisen.


Am Ende der Geschichte herrscht Napoleon autokratisch über die Farm und nimmt Handelsbeziehungen mit anderen Farmern auf. Vier der Sieben Gebote wurden im Verlauf entscheidend abgeändert:


4. „Kein Tier soll in einem Bett mit Laken schlafen“

5. „Kein Tier soll exzessiv Alkohol trinken“

6. „Kein Tier soll ein anderes Tier ohne Grund töten“

7. „Alle Tiere sind gleich, doch manche Tiere sind gleicher als andere“


Die frühe „Animal Farm“ als Demokratie?


Die „Animal Farm“ in ihrer frühen Phase kann durchaus als Demokratie bezeichnet werden. Zwar fehlen zentrale Aspekte des modernen Demokratiebegriffs wie die Gewaltenteilung, die Grundlagen sind jedoch gegeben: Bei ihrer wöchentlichen Versammlung kommen die Tiere zusammen und stimmen gleichberechtigt über Inhalte ab. Parlament und Gesetzgebung funktionieren in dem kleinen Rahmen der Farm. Dabei stecken die Sieben Gebote die Grundpfeiler ab und bilden eine „Verfassung der Animal Farm“.


Grundlagen der Diktatur-Theorie


Diktaturen können in zwei Formen auftreten.

Das historische Beispiel für die erste Form ist die Diktatur in Rom. Ein Amt, dass das römische Reich vor Bedrohungen schützen sollte und in Krisenzeiten besetzt wurde.

Demnach kann Diktatur kommissarisch eingesetzt werden. In diesem Fall geht sie von einem

existierenden System aus, welches sie auf Zeit gegen eine konkrete Bedrohung beschützen soll. Eine diktatorisches Regime kann jedoch auch aus einem Systemwechsel entstehen. Dann löst sie das vorherige System ab und schafft ihre eigene, souveräne Ordnung (Nach Carl Schmitts „Die Diktatur“,1921). Diese beiden Arten sind jedoch nicht immer strikt voneinander zu trennen und können in beide Richtungen ineinander übergehen (nach Andrew Aratos „Good-bye to Dictatorship?“, 2000)


Auf der Farm


Was passiert nun auf der Farm?

Zunächst werden die Schweine mit der Zustimmung der anderen Tiere in ihre leitende Position erhoben. Mit Blick auf die Bedrohung durch die Menschen und den Ernteausfall wird immer mehr Macht an sie abgetreten, um die Farm durch ihre starke Führung zu schützen. Man könnte sagen, dass eine kommissarische Diktatur durch die Schweine entsteht.


Der Wendepunkt


In dem Augenblick, an dem Napoleon seine Hunde auf die anderen Tiere loslässt, wendet sich die Situation. Er entzieht sich der Gemeinschaft, setzt sich über den Willen der anderen Tiere hinweg. Damit bricht er auch mit der an die Schweine übertragenen Herrschaft: Er regiert nicht mehr als Amtsträger für die Tiere, sondern herrscht souverän über diese.


Blick auf die Analogie zu Russland


Diese Entwicklung, von kommissarischer Diktatur zu souveräner Diktatur, kann auch in der

Geschichte wiedergefunden werden. Interessanterweise bricht hier die juristische Analyse mit der von Orwell geplanten Analogie. Die UdSSR entstand in der Revolution als souveräne Diktatur und ging erst mit der Zeit in eine kommissarische Diktatur über. Damit entspricht die Entwicklung der UdSSR genau nicht den Entwicklungen auf der Animal Farm. Aus dieser

Perspektive wird Orwells Analogie der UdSSR (vermutlich ungewollt) zur Analogie zum Deutschland der Jahr 1933-1945: Hitler erlangte seine Macht übertragen von Hindenburg, er herrscht zunächst kommissarisch. Mit dem (illegalen) Missbrauch von Art. 48 der Weimarer Reichsverfassung beendet er dieses Abhängigkeitsverhältnis und schafft eine neue Ordnung, indem er letztlich die Weimarer Republik ablöst.