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Automatisierte Menschlichkeit und Cyborgs – sind wir alle geblendet?

Wir befinden uns inmitten einer gesellschaftlichen Umstrukturierung: Die Grenzen zwischen Menschen und Maschinen werden nahezu verwischt, vielleicht sogar übergangen. Durch Science-Fiktion-Inszenierungen wurde das Bild eines übermenschlichen, metaphorischen Mensch-Roboter Hybriden geschaffen, gestaltet und in einer gewissen Weise normalisiert. Wie weit wird die Technologie reichen? Und was für rechtliche Fragestellungen kommen dabei auf? Ein Kommentar.


von Julia Eisenhuth

© Nora Hüttig.

Der Protagonist Nathanael in E.T.A. Hoffmanns Erzählung „Der Sandmann“ verfällt dem Wahn einer trügerischen Bewusstseinsstörung: Er verliebt sich in ein Scheinlebewesen, einen Roboter, indem er seine eigene Lebendigkeit auf diesen reproduziert. Die Grenzen zwischen Menschlichkeit und Mechanik werden vermischt, nahezu relativiert und ausgeblendet, um als Endprodukt der Reflexion vor einem inneren Konflikt der menschlichen Existenz zu stehen.


Dabei handelt es sich um eine bloße Fiktion, eine Erzählung aus dem Zeitalter der Romantik. Doch der metaphorische Charakter des Werkes setzt einen Impuls für einen Diskurs, der bereits seit dem 19. Jahrhundert anhält. Wir befinden uns inmitten einer gesellschaftlichen Umstrukturierung: Die Grenzen zwischen Menschen und Maschinen werden nahezu verwischt, vielleicht sogar übergangen. Durch Science-Fiktion-Inszenierungen wurde das Bild eines übermenschlichen, metaphorischen Mensch-Roboter Hybriden geschaffen, gestaltet und in einer gewissen Weise normalisiert. Nüchtern betrachtet würden wir dieses Menschenbild einer bloßen Illusion zuordnen.


Diese stetigen Bemühungen um eine Technisierung unserer Umwelt korrelieren mit gewissen Anpassungsstrategien. Eine Anpassungs -und Überwindungspolitik, die ein Teil der Gesellschaft mehr zu spüren vermag als derjenige, der aktiv an ihr teilnimmt. Was gerade auf der einen Seite als technologischer Fortschritt und Inbegriff einer sich fortentwickelnden und anpassenden Menschheit gilt, birgt daneben gewisse Risiken: Wie weit wird die Technologie reichen? Befinden wir uns schon inmitten eines Wandels von der Generation des homo sapiens hin zu Mensch-Maschinen-Hybriden, Cyborgs und automatisierten Organismen?


Ist der natürliche, evolutionsbedingte Mensch nicht mehr ausreichend?

Im Zuge dieses Koevolutionsprozesses wird ein Menschenbild geschaffen, das sich an seine Umwelt anpassen kann und will – oder sogar im Begriff dazu ist, ihr einen Schritt voraus zu sein. Wenn und soweit der Mensch in den einmaligen Genuss einer solchen Optimierungsmaßnahme kommt, dann ist es naheliegend, dass er sich daran gewöhnt und anpasst.


Wir entwerfen unser eigenes Idealbild einer unbekannt gewordenen Menschheit – geradezu übergehen wir die Natürlichkeit des homo sapiens. Die Gesellschaft hat Angst vor einer neuen Generation, die sie geradezu zu ersetzen vermag. Und genau diese Angst leitet und bestimmt regelrecht unser Verständnis von der Wirklichkeit. Getreu dem Motto: „Was ich selbst nicht sehe, das existiert auch nicht“ werden – teils voreilig – die Augen vor der Realität verschlossen und die Problematik auf weitere Generationen umgewälzt, nahezu verschoben (so grds. auch Harari in seinem Werk „Homo Deus“).


Und gehen wir noch einen Schritt weiter, wodurch sich Fragestellungen eröffnen, die die rechtliche Bewertung gerade dieses Integrations- und Koevolutionsprozess betreffen: Können wir unsere (Grund)-Rechte auf Lebewesen anwenden, die einen Teil ihrer Natürlichkeit, also gerade das, was sie „menschlich“ macht, aufgegeben haben? Ein weiteres Problem der rechtlichen Ausgestaltung eröffnet sich bei Beurteilung der Zurechenbarkeit einer Handlung: Durch die voranschreitende Cyborgisierung kann – sei es in diesem Kontext dahingestellt, ob gegenwärtig oder zukünftig – nicht mehr gänzlich differenziert werden, ob Verhaltensweisen auf menschliche Steuerungsprozesse zurückzuführen sind oder ob vielmehr die Technisierung des menschlichen Organismus die Oberhand gewonnen hat.


Wir fühlen uns nicht mehr verantwortlich.

Verantwortlich für diejenige Generation, mit der wir uns aufgrund seines nahezu gänzlichen Verlustes seiner Menschlichkeit nicht mehr identifizieren können. Wir entwickeln ein Gefühl von Überforderung und Distanz vor dem Unbekannten und einer Zeit, in der biologische Entwicklungsprozesse nicht mehr ausreichen.

Doch wieso konnotieren wir den Fortschritt unserer Zeit gleichzeitig mit einem Verlust unserer Menschlichkeit? Hochkomplexe Prozesse und Methoden werden als Selbstverständlichkeit angesehen – weil wir uns daran gewöhnt haben.


Der Mensch als Gewohnheitstier

Futuristische, bis dato nicht absehbare Entwicklungen der symbiotischen Beziehung zwischen Menschen und Maschinen werden zukünftig in den Mittelpunkt unserer Gesellschaft treten. Was gegenwärtig als reine Illusion gilt, vermag schon bald eine neue Debatte einzuleiten. Ob und inwieweit die biologische Fortpflanzungstheorie und der menschliche Evolutionsprozess überholt und ersetzt werden von künstlichen, vielleicht gänzlich anorganischen Subjekten und Verfahren, können wir aktuell nicht abschätzen. Geradezu weil zukünftige Existenzformen im Begriff dazu sind, sich von der Menschlichkeit abzuwenden, können und sollen wir uns mit dem Gedanken einer Gesellschaft an modifizierten Menschen, den Cyborgs, fortan besser identifizieren: Uns stehen etwaige Möglichkeiten offen, um unsere Zukunft aktiv mitzugestalten: Wir sind im Begriff dazu, ein neues Menschenbild an unseren eigenen Körpern zu formen und uns somit das (Über-)Leben zu erleichtern. Letzendlich sind es wir, die eine Gesellschaft an optimierten, cyborgisierten Menschen bilden.


Doch dieser Koevolutionsprozess ist langwierig und hochkomplex, sodass wir nicht schlagartig von einer neuen Spezies an Übermenschen überholt werden, sondern die Möglichkeit habe, uns daran anzupassen. Eine zweidimensionale Modifikation dahingegen, dass wir einerseits die Optimierungsmöglichkeiten nutzen können und anderseits mit futuristischen Hybridwesen innerhalb der Gesellschaft offen interagieren.


Eine Chance für jeden von uns.

Im Gegensatz zu biologischen Evolutionsprozessen liegt die technische Modifikation allein in den Händen derjenigen, die sie entwerfen. Und das sind wir.


Den Fortschritt selbst bestimmen.

Eine Theorie, die vorerst wie ein Plädoyer an die Zukunft zu klingen vermag. Doch wenn sich die Menschen als zentralen Steuerungspunkt desjenigen Systems sehen, das sich gerade anhand seiner Anpassungs- und Wandlungsfähigkeit bestimmt, können wir auch das Potential einer transhumanistischen Demokratie ausschöpfen.

Unstreitig wird die Mensch-Maschinen-Hybridisierung einhergehen mit Funktionalität, Bequemlichkeit und Effizienz. Doch inwieweit der eigene Körper zukünftig technisch modifiziert wird, liegt immer noch in unserer eigenen Hand. Vielleicht sollten wir, anstatt uns auf eine Modifizierung, die wohl noch weit in der Zukunft liegt, zu konzentrieren, vielmehr einen Schritt weiterdenken: Ist eine derartige Optimierung wirklich notwendig? Verbessert sich dadurch fundamental unser Leben? Der transhumanistische Wandel geht einher mit einer Anonymisierung der Gesellschaft und einer Verallgemeinerung gewisser Normen und Grundsätze. Entscheidend ist es daher, dem Fortschritt positiv zu begegnen, sich aber wiederum nicht blenden zu lassen: Die eigene Existenz und Individualität ist das, was uns definiert – und an dieser sollen wir niemals zweifeln.