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  • Rechtverblüffend

'Can smoking make your unborn child kill?' - eine Untersuchung.

'Smoking can kill your unborn child' - eine triviale Feststellung. Aber: 'Can smoking make your unborn child kill?' Die Antwort auf diese Frage ist weniger offensichtlich. Doch was ist bewiesen, und was nicht? Und wo lohnt es sich, genauer hinzusehen? Eine kritische Beleuchtung.


Von Philine Kieslich

©️ Leonie Palm.


"Smoking can kill your unborn child"


Dass Rauchen während der Schwangerschaft gefährlich für das Kind sein kann, dürfte niemanden mehr überraschen. „Smoking can kill your unborn child“ warnen Tabakverpackungen, und mit der 2016 durch die Europäische Kommission für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit eingeführten Pflicht, mit Bildern auf die Folgen von Zigarettenkonsum hinzuweisen, gelingt das auch sehr anschaulich. Rauchen ist neben Alkohol das am einfachsten vermeidbare Risiko für das Ungeborene. Bereits eine Gelegenheitsraucherin, die eine Zigarette pro Woche raucht, oder eine Schwangere, deren Partner*in raucht und die dadurch passiv konsumiert, kann die Gesundheit ihres ungeborenen Kindes ernsthaft gefährden, indem es am Fetalen Tabaksyndrom (FTS) erleidet. Hierdurch kann es vermehrt zum plötzlichen Kindstod kommen und die Gefahr eines prä- oder perinatalen Todes oder von Fehlbildungen steigt deutlich. Trotz dieser deutlichen Gefahren ergab eine Umfrage der Drogenbeauftragten der Bundesregierung aus 2015, dass 12 Prozent der Schwangeren rauchen – und das ist nur das Hellfeld. Weitere Folgen des FTS sind Herzkrankheiten, Atemwegs- oder Infektionserkrankungen, Hirntumore. Auch die Wahrscheinlichkeit, dass das Kind eines Tages Alkohol oder andere Substanzen missbrauchen oder selbst Raucher*in wird, steigt – schließlich beginnt für das Neugeborene mit der Geburt der Nikotinentzug, schwamm es doch bisher in Fruchtwasser, in dem der Nikotinanteil pro Zigarette viermal so hoch wie in der Zigarette selbst konzentriert war.


Langfristige psychische Konsequenzen


Nicht zu vergessen sind aber auch die psychischen Konsequenzen von Tabakrauchexposition (Maternal Cigarette Smoking, MCS) bei Kindern: Bei vielen Kleinkindern wurde Hyperaktivität und ein Aufmerksamkeitsdefizit diagnostiziert und die Wahrscheinlichkeit, dass im Laufe seines Lebens unter Depressionen oder Aggressionsschüben leiden wird, ist erhöht. Nicht zuletzt aber konnten Verbindungen zwischen Tabakkonsum während der Schwangerschaft und Verhaltensauffälligkeiten wie antisozialem bis kriminellem Verhalten und Sozialisierungsprobleme aufgezeigt werden. So gibt es mehrere Studien, die eine Beziehung zwischen MCS und späterer Delinquenz oder gar Kriminalität des Kindes aufweisen.


Doch woran liegt das? Die fetale Exposition von Karbonmonoxid und anderen Neurotoxinen stören die Hirnentwicklung, denn die Plazenta wird wegen des Nikotins weniger gut durchblutet, weswegen weniger Sauerstoff im Gehirn des Ungeborenen ankommt. MCS wirkt sich damit negativ auf den IQ und/oder ausführende kognitive Funktionen aus, wodurch es für Betroffene schwieriger wird, innerhalb gesetzter Grenzen zu handeln.


Außerdem wurde herausgefunden, dass Nikotin die Retikulärformation, also die Bildung eines Neuronennetzwerkes, das eine wichtige Rolle bei Kontrolle des Arousal spielt, in und um den oberen Hirnstamm beeinflusst. Es wurde bewiesen, dass eine Verbindung von kindlichen Verhaltensstörungen – einem häufigen Anzeichen späterer Kriminalität – zum Rauchen der Mutter im Wesentlichen auf einige gegenseitige genetische Einflüsse zurückzuführen ist. Logischerweise steigen diese Auswirkungen mit der Menge der von der Mutter passiv oder aktiv konsumierten Zigaretten. Diese Korrelation zeigt sich sowohl in Hinblick auf Verhaftungen als auch auf psychiatrische Einweisungen wegen Drogen- oder sonstigem Substanzmissbrauch und ist geschlechtsunabhängig. Wenn die Mutter während der Schwangerschaft sogar stark rauchte (mehr als 20 Zigaretten pro Tag), steigt das kriminelle Potential der Kinder um bis zu 30 Prozent.


Kriminologische Folgen 


MCS scheint auch ein unabhängiger Risikofaktor für die von Mehrfachverhaftungen geprägte Strafgeschichte Erwachsener zu sein, Kinder könnten später also häufig wiederholt straffällig werden. Verbindungen zwischen Krankenhausaufenthalten wegen Substanzmissbrauchs und pränatalem Rauchen konnte hingegen nur bei weiblichen Nachkommen festgestellt werden, weswegen vermutet wird, dass dieses erhöhte Problem bei Frauen die höheren Verhaftungsraten von weiblichen gegenüber männlichen MCS Betroffenen erklärt.


Auch wenn es mittlerweile eine ganze Reihe an Studien gibt, die sich mit den kriminologischen Folgen von MCS beschäftigen, sollten die Daten kritisch eingeordnet werden. Der Zusammenhang von fetaler Tabakexposition und Delinquenz ist nicht von der Hand zu weisen und scheint in Hinblick auf die Veränderung der Hirnstrukturen ja auch nur schlüssig. Trotzdem sollte das Umfeld rauchender Mütter und ihrer Nachkommen nicht ganz aus dem Blick geraten. Die sehr einfache Gleichung „Rauchen gleich dümmer gleich krimineller“, die sich aus den Publikationen einiger Forscher*innen rauslesen lässt, kann vorverurteilend auf Betroffene wirken und ihrer Situation auch nicht gerecht werden.


Bewiesen ist, dass insbesondere junge Frauen, die schwanger werden, selten ihren Tabakkonsum zum Wohle des Kindes einstellen. Nach Angaben der Deutschen Krebsgesellschaft rauchen 20 Prozent der Schwangeren aus sozial schwächeren Gruppen – also acht Prozent mehr als der Bundesdurchschnitt der schwangeren Raucherinnen; 23 Prozent der Alleinstehenden und sogar ein Drittel der unter 20-jährigen Schwangeren. Dass minderjährige Schwangerschaften besonders häufig dann passieren, wenn die Frauen schlechter aufgeklärt sind und einen niedrigeren Bildungsstandard haben, ist unlängst klar. Dass Frauen aus weniger privilegierten Umfeldern, in denen auch Kriminalität häufiger auftritt, während der Schwangerschaft weniger auf ihre Gesundheit achten können, als Akademikerinnen mit erhöhtem Einkommen, die ihr Wunschkind weit entfernt von kriminellen Strukturen austragen und Zeit und Geld haben, sich ausgiebig um ihre Gesundheit zu kümmern – diese Umstände sind gut vorstellbar. MCS hängt also stark vom sozialen Status ab; Bildungsgrad und Umfeld sind daher in der oben genannten, dem Problem nicht gerecht werdenden Gleichung nicht zu unterschätzen. Ob Kinder aus schwächeren gesellschaftlichen Gruppen mit einem oft harten Umfeld und in einem Land, in dem soziale Mobilität immernoch schwierig ist, vielleicht –  unabhängig vom MCS – kriminell geworden wären, lässt sich schwer beantworten. Hinzu kommt, dass sich der Bundesdurchschnitt der rauchenden Schwangeren von zwölf Prozent nicht nur aus bildungsfernen Kreisen speisen kann, sondern sich definitiv auch aus der bildungsnäheren Mittel- und Oberschicht speisen muss, entgegen der vielleicht allgemein bestehenden Erwartungshaltung.


Tabak und der Fiskus  


Ein weiterer interessanter Aspekt am MCS ist der finanzielle. Sollte ein unter dem FTS leidendes Kind später straffällig werden, bedeutet dies Kosten für den Fiskus, wie es bei allen inhaftierten Personen der Fall ist. Nach einer Recherche der FAZ kann eine finanzielle Belastung aber bereits mit der Geburt eines Nikotinbabys auftreten. Auf Neugeborenenstationen muss sich um sie besonders intensiv gekümmert werden, wenn sie direkt nach der Geburt Entzugserscheinungen zeigen. Das kostet das Personal Zeit und dadurch Geld. Diesen erhöhten Aufwand bekommen Kliniken aber nicht erstattet, denn nach Ansicht der Sozialgerichte sei Tabak keine Droge; zumindest dann nicht, wenn die Diagnose „Entzugssyndrom beim Neugeborenen bei Einnahme von Drogen durch die Mutter“ lautet. Dadurch haben die Ärzt*innen oder das Krankenhauspersonal keine Abrechnungsziffer für das, woran die Babys offensichtlich leiden – auf solche Schicksale ist das Gesundheits- und Sozialsystem anscheinend noch nicht vorbereitet.


Selbiges gilt für Neugeborene, die unter dem Fetalen Alkoholsyndrom leiden. Ein 2015 vom Sozialgericht Düsseldorf entschiedenes Urteil befand hierzu, dass ein Kind, dessen Mutter während der Schwangerschaft Alkoholmissbrauch betrieben hatte, keine Entschädigungsansprüche gegen den Staat geltend machen kann. Es fällt nicht unter das Opferentschädigungsgesetz, weil keine Gewalttat festgestellt werden konnte. Alkoholkonsum während der Schwangerschaft ist keine Straftat, denn die eigene Leibesfrucht kann nicht Opfer einer Körperverletzung an sich selbst sein – ganz nach dem Gedanken, dass eine Selbstschädigung (wie der Suizid) keine Strafbarkeit auslösen kann. Nur das ungeborene Leben als solches wird geschützt, aber es ginge sicherlich zu weit, das Verhalten der Mutter als illegalen Schwangerschaftsabbruch zu werten. Abgesehen davon unterliege der Lebenswandel einer Schwangeren ihren Persönlichkeitsrechten und lässt sich daher außerhalb des Strafrechts nicht durch staatliche Eingriffe beeinflussen. Die Abwägung zwischen Autonomie der Schwangeren und Lebensschutz des Ungeborenen fällt schwer, und viele Argumente, die sich sonst bei der Debatte um das Selbstbestimmungsrecht von ungewollt Schwangeren aus feministischer Sicht finden lassen, fallen hier schwer . Ob sich zu diesem Thema eines Tages eine Pönalisierungsdebatte entwickeln sollte, mit welchen Argumenten und auf welche Art man eine schwangere Nikotin-, Alkohol- oder sonstige Substanzenabhängige bestrafen könnte oder ob verstärkte Präventions- und Aufklärungsmaßnahmen beispielweise beim ersten Ultraschall nicht vielleicht viel zielführender wären, führt an dieser Stelle wohl zu weit.


Es bleibt nur zu hoffen, dass fetale Syndrome im Laufe der Jahre aus der Gesellschaft „herauswachsen“ und weitgehende Aufklärung in allen sozialen Schichten zu den Folgen des Umgangs mit Substanzen während der Schwangerschaft hierzu beitragen kann. Glücklicherweise hat sich das gesellschaftliche Bild zumindest von Tabakkonsum seit der Jahrtausendwende deutlich verschlechtert, und das wird hoffentlich so bleiben.