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Der Fall Peng Shuai – ein Protokoll

Am vergangenen Freitag haben die Olympischen Winterspiele in China begonnen. Das größte Fest der Welt, über dem ein dunkler Schatten liegt – ausgelöst durch die Pandemie, die offensichtlichen Menschenrechtsverletzungen der chinesischen Regierung sowie einer ökologischen Umsetzung der Spiele, die allerspätestens im Jahr 2022 unmöglich mehr zu rechtfertigen ist. Und über allem schwebt eine Causa, die die Weltöffentlichkeit erst Ende des vergangenen Jahres gebannt und geschockt ins Reich der Mitte blicken lässt: der Fall Peng Shuai.

Ein Protokoll.

© Lea Donner.

2. November 2021


„Warum hast du mich zu dir nach Hause gebracht, um mich zum Sex mit dir zu zwingen? Ja, ich hatte keine Beweise, und es war einfach unmöglich, Beweise zu haben. Ich konnte nicht beschreiben, wie angewidert ich war und wie oft ich mich fragte, ob ich noch ein Mensch bin. Ich fühle mich wie eine wandelnde Leiche.“


Ein Ausschnitt aus dem offenen Brief, den Tennisspielerin Peng Shuai Anfang November über das Twitter-ähnliche chinesische soziale Netzwerk Weibo absetzt. Der Angeklagte: Zhang Gaoli, ehemaliger Funktionär der Kommunistischen Partei (KP) und Ex-Vizepremierminister (2013 – 2018). Der Vorwurf: sexueller Missbrauch und Vergewaltigung.


Seit gut drei Jahren schließen sich in China vereinzelt Frauen der „MeToo“-Bewegung an. Bislang hatte es aber noch niemand gewagt, einen chinesischen Politiker zu beschuldigen. Dementsprechend ist der Post nach nur 20 Minuten von der Plattform verschwunden. Der Suchbegriff „Tennis“ und der Name „Peng Shuai“ liefern keine Ergebnisse mehr, die chinesischen Behörden unterbinden jegliche mediale Berichterstattung. Öffentliche Diskussionen werden im Keim erstickt.


Für den Hinterkopf: Peng Shuai hat im Damen-Doppel die French Open und Wimbledon gewonnen, zwei von vier sogenannten „Grand Slam“ – die wichtigsten Turniere des Sports. Insgesamt war Peng 20 Wochen lang Nummer eins der Welt, eine beachtliche Zeit. Die 36-Jährige ist ein Star – insbesondere in China. Die beste Spielerin, die das Land zu bieten hat.


Doch nicht nur Pengs Beitrag verschwindet, sondern auch sie selbst. Für mehr als zwei Wochen fehlt von ihr jede Spur. Tennisspieler:innen, Freunde und Fans aus aller Welt machen sich Sorgen. Der Hashtag #WhereIsPengShuai geht um die Welt.


14. November 2021


Die Sache nimmt an Fahrt auf. Der Präsident des internationalen Tennisverbands für Frauen (WTA), Steve Simon, appelliert an die chinesischen Behörden. Sollte Peng Shuai sich nicht melden, werde man alle Turniere für 2022 in der Volksrepublik und Honkong absagen.


Ganz nebenbei ist China der größte Sponsor im Frauentennis; umso bemerkenswerter das Handeln der WTA. Ein Symbol der Stärke, das man von Sportverbänden – wenn es um politische Haltung geht – nicht mehr gewöhnt ist.


17. November 2021


Eine scheinbar von Peng Shuai versendete Mail an die WTA taucht auf, veröffentlicht vom chinesischen Auslandsstaatsender „CGTN“. Tenor: Mir geht’s super.


„Die Nachrichten in der Pressemitteilung, einschließlich die Vorwürfe des sexuellen Übergriffs, sind nicht wahr. Weder werde ich vermisst, noch bin ich unsicher. Ich habe mich nur ein bisschen zu Hause erholt und alles ist in Ordnung. Nochmals vielen Dank, dass ihr euch um mich kümmert,“ heißt es in der Mail.


Experten bezweifeln, dass die E-Mail tatsächlich von Peng stammt. Auch WTA-Chef Simon glaubt nicht an die Echtheit.


21. November 2021


Bis zu den Olympischen Winterspielen in Peking sind es nur noch knapp zwei Monate – und der öffentliche Druck steigt weiter. Also zieht die chinesische Regierung ihren nächsten Trumpf – in Form des Deutschen Thomas Bach.


Bach ist Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC). Vereinfacht gesagt ist er sowas wie der Olympia-Boss.


Es kommt zu einem Gespräch zwischen Bach und Peng Shuai. Von diesem Gespräch wird ein einziges Foto veröffentlicht – kein Bewegtbild, keine Audiosequenzen. Dieses veröffentlichte Foto lässt die Causa immer skurriler erscheinen: Im Vordergrund erkennt man Bach, über einen Fernseher ist Peng Shuai per Video zugeschaltet. Die Athletin hat ein Lachen aufgesetzt, hinter ihr eine absurde Menge an – ja, wirklich – Kuscheltieren.


Peng habe versichert, dass es ihr gut gehe. Zurzeit wolle sie aber nicht gestört werden, so berichtet Bach später. Eine Sprecherin der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch nennt das Vorgehen des IOC-Chefs eine „völlig neue Form der Kollaboration“ mit Chinas Führung.


Kurz nach dieser Unterhaltung tauchen weitere Videos von Peng Shuai auf, wie sie beispielsweise ein Kinder-Tennisturnier besucht oder wie sie mit einer Bekannten Essen geht. Alles von chinesischen Staatsmedien veröffentlicht. Der Verdacht einer Inszenierung liegt nahe, Dialoge wirken einstudiert.


1. Dezember 2021


ztWeil die WTA nach wie vor davon überzeugt ist, dass Peng ihre Vorwürfe gegenüber Zhang zurücknehmen musste und nicht frei sprechen darf, macht der Verband seine Drohungen wahr. Alle Turniere in China und Hongkong werden mit sofortiger Wirkung ausgesetzt – zumindest für 2022. Auch ein langfristiger Abschied der Tennistour aus China über das Jahr hinaus wird ausdrücklich nicht ausgeschlossen. Man wage den Kampf mit dem chinesischen Regime. Finanzielle Verluste? Egal. Ein Zeichen der Stärke, das in der Sportpolitik so selten ist wie Schnee in Peking.


Deutschlands Damen-Tennischefin Barbara Rittner lobt in der „Süddeutschen Zeitung“: „Ich bin stolz auf die WTA.“


Die Antwort der Chinesen lässt nicht lange auf sich warten. „Wir sind entschieden dagegen, dass der Sport politisiert wird“, so Außenministeriumssprecher Wang Weibin auf entsprechende Medienanfragen.


6. Dezember 2021


Die USA verkünden, die Olympischen Spiele diplomatisch zu boykottieren – Großbritannien, Japan, Kanada, Belgien, Australien und Dänemark ziehen nach. Man verweist auf die aktuelle Menschenrechtslage in der Volksrepublik, die Verstoße gegen die Menschenrechte der Uiguren, die Unterdrückung von Minderheiten in Hongkong und Tibet.


Später verkündet auch Außenministerin Annalena Baerbock, dass im Rahmen Olympias keine deutschen hochrangigen Politiker nach China fliegen werden. Von einem diplomatischen Boykott ist jedoch nicht die Rede.


14. Dezember 2021


Thomas Bach äußert sich erstmals in einem Fernsehinterview zum Fall Peng Shuai. Im „ZDF-Sportstudio“ sagt er: „Sie haben in solchen Fragen zwei Möglichkeiten: Die eine ist, Sie machen ein öffentliches Statement und hoffen, dass die andere Seite auf dieses Statement reagiert. Oder Sie haben die Möglichkeit, selbst die Initiative zu ergreifen – hier in unserem Fall den direkten Kontakt zu suchen und das anzusprechen, was damals in Frage stand, nämlich die körperliche Unversehrtheit von Peng Shuai.“


Bach weiter: „Erwartungen, dass die Olympischen Spiele das politische System eines Landes ändern können, das ist völlig überzogen. Unsere Verantwortung ist es nicht, die politischen Probleme dieser Welt zu lösen.“


Der IOC-Chef hat bis heute nicht ein einziges kritisches Wort gegenüber dem Regime von Xi Jinping geäußert.


19. Dezember 2021


Das chinesische Medienunternehmen „Lianhe Zaobao“ veröffentlicht ein weiteres Videointerview mit Peng Shuai. Dort behauptet sie, es handle sich bei ihrem Weibo-Post von Anfang November um ein Missverständnis. Wörtlich sagt sie: „Ich möchte eine sehr wichtige Sache betonen: Ich habe nie etwas gesagt oder geschrieben, mit dem ich jemanden eines sexuellen Übergriffs auf mich beschuldige.“ Und weiter: „Ich bin immer frei gewesen.“ Die Mail an WTA-Chef Simon habe sie selbst geschrieben. Aufgrund von Corona werde sie China nicht mehr verlassen – sie werde dementsprechend auch nicht mehr aktiv Tennis spielen: „Was soll ich jetzt da draußen machen?“


Die WTA sowie weitere Menschenrechtsorganisationen sind nach diesem Video weiterhin davon überzeugt, dass sich Peng lediglich aus Zensur und Zwang äußere. Kurz vor den Olympischen Spielen bezeichnet Human Rights Watch den Umgang des IOC mit Peng als fatal. Thomas Bach sei zum „Sprachrohr der chinesischen Regierung“ geworden.


Beim kürzlich ausgetragenen Tennis-Grand-Slam, den Australian Open, wird die Diskussion um Peng wieder lauter. Aktivisten verteilten hunderte T-Shirts mit der Aufschrift: „Where is Peng Shuai?“. Turnier-Ausrichter Tennis Australia verbietet die Aktion zunächst und weist auf die Eintrittsbedingungen hin. Dort heißt es, es seien keine Kleidung, Banner oder Schilder erlaubt, die kommerziell oder politisch seien. Nach öffentlicher Kritik revidiert der Verband die Entscheidung. Beim Frauenfinale am 29. Januar werden die T-Shirts an Zuschauer verteilt. Bilder des Protests werden allerdings nicht im Fernsehen gezeigt; heile Welt im australischen Tenniszirkus.


Nun beginnt Olympia


Am Freitag haben die Olympischen Spielen begonnen. Erste Bilder erwecken den Anschein, die Volksrepublik drehe einen Science-Fiction-Blockbuster mit unfreiwillig agierenden Darstellern. Athleten und Journalisten werden auf dem Planeten China von wortkargen Kreaturen in Corona-Ganzkörperschutzanzügen empfangen – ausgestattet mit Fiebermessgeräten in Blaster-Optik.


Grundsätzlich sind das alles nachvollziehbare Vorsichtsmaßnahmen, um das Virus im Zaum zu halten. Denn Chinas Null-Covid-Strategie gerät durch das Turnier in höchste Gefahr und auch ein Corona-Ausbruch im Olympischen Dorf wäre eine Katastrophe. Doch das deutlich wichtigere Ziel der Regierung ist offensichtlich – und deswegen war ein Verschieben der Spiele in China nie Thema: Man will der Welt in einer politisch unsicheren und hochkomplexen Zeit auf einer großen Bühne das Propagandabild des eigenen Ehrgeizes, der beispiellosen Innovationskultur und der scheinbaren Unbesiegbarkeit auftischen. Eine Inszenierung, die an die Olympischen Spiele 1936 im Dritten Reich erinnert, als Hitler Nazi-Deutschland in einer idealisierten Version der Welt präsentierte. Passend dazu: An Xi Jinpings Seite eröffnet Russland-Präsident Wladimir Putin die Spiele. Bilder von zwei Autokraten gehen um die Welt. Bilder, die sagen sollen: Wir sind die Zukunft. Die alte Ordnung des Westens ist nicht mehr.


Ein kurioser Fakt, der die Spiele übrigens noch absurder erscheinen lässt als sie sowieso schon sind: da, wo die Ski-Stars die Berge runtersausen sollen, wo sie auf Brettern durch die Luft fliegen werden, wo sie in Blechkisten die Kanäle herunterdonnern, gibt’s normalerweise vor allem eines nicht – Schnee. Die Berge müssen also mit Kunstschnee bedeckt werden. Doch bevor der überhaupt produziert werden kann, müssen Techniker den Boden bewässern, damit dieser gefriert und der Schnee liegen bleibt. Dabei wird doppelt bis dreifach so viel Wasser pro Hektar Kunstschnee benötigt wie etwa in Skigebieten in den Alpen.


Der Fall Peng Shuai bildet dementsprechend nur die Spitze des gekünstelten Eisbergs. Also: Fernseher an, Hirn aus. So macht‘s das IOC um Thomas Bach ja auch. Hauptsache es klingelt in der Kasse.