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Der Weihnachtsstacheldraht um die europäische Nächstenliebe

Ach, wie schön ist Weihnachten! Advent, Advent, zwei Lichtlein brennen. Holt das Lametta raus und die Christbaumkugeln! Wir wollen Schokolade und Lebkuchen verschlingen und uns glühwein-infusiert auf dem Weihnachtsmarkt die Finger abfrieren, bevor wir auf Etsy noch schnell die letzten überflüssigen Geschenke bestellen! Dann weiter zur Familie aufs Land, Driving home for Christmas, wo wir uns schließlich und endlich besinnen, wenn der Braten verspeist und die Party vorbei ist.


Da die bedächtige Zeit um Weihnachten verdächtig hektisch ist, nehmen wir, die Rechtverblüffend Redaktion, uns die Zeit, genauer hinzusehen: Zu jedem Advent hinterfragen wir in einem Artikel Weihnachten auf seine guten und schlechten Seiten – sodass Euch ein Licht aufgehen möge! Zum 2. Advent geht es um das Selbstverständnis des Weihnachtsfests – und für wen es das alles nicht gibt.


von Emma Bruhn


© Fabian Hassel


Weihnachten ist das Fest der Nächstenliebe, so heißt es. Wer Gottes Liebe und Zuwendung erfahren hat, wird diese nicht für sich behalten, sondern weitergeben, bedeutet das nach christlicher Definition. Eine schöne Sache: Wir kommen an Weihnachten deshalb mit unseren Liebsten zusammen, nehmen sie in den Arm, beschenken sie. Wer eine Familie hat, besucht sie an Weihnachten. Nein, hat sie zu besuchen. Hat Zeit mit ihr zu verbringen, hat sie mit Geschenken zu bewerfen. Wunderbar, für alle, die das gerne machen! Doch was ist mit denjenigen, die den Heiligabend lieber helfend in der Suppenküche verbringen möchten, keine Familie haben (mit der sie feiern wollen) oder jedenfalls im Sinne der Nachhaltigkeit auf die Geschenke verzichten wollen? Oder, Gott bewahre: überhaupt nicht Teil dieser christlichen Mehrheitsgesellschaft sind? Die müssen sich rechtfertigen. Brüche mit weihnachtlichen Traditionen findet unsere Gesellschaft nur schwer erträglich. Beschwerden, wiederum, sind gern gehört: Augenzwinkernd raunt man sich nach dem Fest zu: Ach ja, die Familie, ihr wisst ja, wie das ist. Ohne zynische Erhebung kein Weihnachtsfest.


Und was ist überhaupt mit denen, die nicht wissen, wie das ist? Die keine Familie haben, kein Geld und definitiv auch nichts zu feiern? In einem parallelen Universum spült das Mittelmeer täglich Menschen an, die geliebte Menschen, ihr Zuhause, ihr gesamtes Hab und Gut zurücklassen müssen, um ihr Leben zu retten. Nicht nur dann, wenn die Tagesschau berichtet. In Lagern und Camps harren sie aus, wenn sie Glück haben, wenn sie Pech haben, an Bord von Schiffen, die nicht in Häfen fahren dürfen – und das ist natürlich noch vergleichsweise wenig Pech. Auch wer die letzten Bilder aus Belarus gesehen hat, wird sie so schnell nicht wieder vergessen. Hunderte Menschen sind darauf zu sehen, sie suchen Schutz vor Wind und Wetter und der tristen Hoffnungslosigkeit ihrer Situation. Menschen, von denen man nur annehmen kann, dass sie sich nach allem sehnen. Und was macht die EU, diese Wertegemeinschaft, die sich unter anderem auf der Achtung der Menschenwürde und der Wahrung der Menschenrechte gründet? Die sieht erstmal zu. Mit Blick auf Essen, Geschenke, Weihnachtsbaum und Familie vergessen natürlich auch Politiker schnell, wie es anderen geht. Das sollte sich jeder vergegenwärtigen, der sich schon ein paar ironische Sprüche fürs Weihnachtsfest notiert hat.


Vielleicht ist es aber nicht nur das, was wir am Konzept Nächstenliebe noch nicht so ganz verstanden haben. Im vergangenen Jahr ging pünktlich zum Höhepunkt der Coronakrise die große Debatte los: wArUm dÜrFeN wIr nIcHt MiT uNsErEn fAmIlIeN fEiErn? Die gesamtgesellschaftliche Diskussion, die damals entbrannt ist, gipfelte in der Einführung von Lockerungen der damals geltenden Kontaktbeschränkungen zum Weihnachtsfest. Ganz abgesehen davon, dass unsere säkulare (!) Gesellschaft vollkommen selbstverständlich davon ausgegangen ist, dass man Channukah auch wunderbar alleine feiern kann, kann man da doch nur staunen. Anstatt unsere Familien durch ein kleines Fest vor schwerer Erkrankung zu beschützen, bestehen wir auf die staatliche Genehmigung, die politische Bestätigung: Corona ist an Weihnachten natürlich nicht übertragbar.


Das Selbstverständnis des Weihnachtsfestes bedeutet Rotkohl und Kartoffeln, Familie, es bedeutet Baum und Geschenke. Vielleicht arbeiten wir diesen Winter daran, andere Dinge als selbstverständlich zu erklären. Etwa die Nächstenliebe?