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Die grüne Welle Argentiniens

Ich stehe auf der Plaza de Mayo, dem Mittelpunkt der Innenstadt von Buenos Aires – direkt vor dem Präsidentensitz „La Casa Rosada“, dem sogenannten „Rosa Haus“. Um mich herum: Ausnahmezustand. Busse fahren nicht mehr, Bahn-Verbindungen werden gestrichen, Autos stehen stundenlang auf der Stelle. Überall halten Frauen und Männer, Kinder und Jugendliche Plakate hoch. Sie singen, sie weinen, sie tanzen, sie schreien. Vereinzelt sind Bühnen aufgebaut, Reden werden gehalten, Hymnen angestimmt. Ich stehe am Rand, am Rand von einer Million Demonstrant*innen und habe Tränen in den Augen.


von Nele Aulbert



Wir schreiben den März 2018. Zu diesem Zeitpunkt lebe ich seit acht Monaten in Buenos Aires, Argentinien, und absolviere dort ein Freiwilliges Soziales Jahr. Schon auf den Vorbereitungsseminaren in Deutschland wurde viel über die Demonstrationen in Buenos Aires geredet. „Sie sind ganz anders als hier“, sagten die ehemaligen Freiwilligen, die uns von der Metropole erzählten. Jetzt verstehe ich, was sie meinen. Das, was vor mir geschieht, ist nicht zu vergleichen mit meinen bisherigen Erfahrungen auf Demonstrationen. Das hier ist keine Demonstration, das ist ein Aufstand. Und während des Aufstandes liegt die Stadt lahm. Hier sind so viele Emotionen gleichzeitig zu spüren. Jeder, der an diesem Ort steht, ist mit hundertprozentiger Überzeugung dabei. Niemand beschwert sich, weil seine Bahn nicht kommt oder weil man im Stau steht. Denn wenn die Menschen auf die Straße gehen, um für ihre Meinung einzustehen, dann herrscht hier Ausnahmezustand.


Abtreibungsgesetz führt zu Massendemonstrationen


An dem heutigen Tag ist die Menge grün. Frauen und ihre Unterstützer*innen haben sich in der Innenstadt vor dem Nationalkongress und den umliegenden Straßenzügen versammelt, um für das Recht auf legale und kostenlose Abtreibung zu kämpfen. „Aborto legal ya“ hallt es durch die Mengen: „Legale Abtreibung, jetzt!“ Als Zeichen ihres Zusammenhaltes und ihrer Solidarität tragen sie „el panuelo verde“ – ein grünes Kopftuch. Man sieht es seit Wochen in jeder Ecke der Stadt, an Rucksäcke gebunden, als Graffiti an Hauswänden, um den Arm gewickelt und heute: über den Köpfen von abertausenden Frauen. In Argentinien besteht nur in sehr wenigen Fällen die legale Möglichkeit zur Abtreibung. Wenn das gesundheitliche Wohl der Frau durch die Schwangerschaft in Gefahr ist, wenn das Kind außerhalb des Mutterleibes nicht lebensfähig ist oder im Falle einer Vergewaltigung. Bei allen anderen Abtreibungen kann die Frau eine Haftstrafe von bis zu vier Jahren erwarten.


Welches Recht wiegt mehr: das der Mutter oder das des Kindes?


Und selbst die genannten Fälle reichen nicht immer als Rechtfertigung. 2019 geht das Schicksal der elfjährigen Lucia durch die Medien. Sie wurde von dem Partner ihrer Großmutter vergewaltigt und klagte auf Abtreibung. Doch die Gerichte entschieden, sie müsse das Kind austragen. Daraufhin versucht das Mädchen zweimal, sich das Leben zu nehmen. In einem Artikel im Magazin „Stern“ wird Lucia zitiert: „Ich will, dass du das rausnimmst, was der alte Mann in mich gesetzt hat.“

Wie rechtfertigt man die Schwangerschaft eines elfjährigen Kindes? Wie lauten die Argumente der Abtreibungsgegner und wer sind sie?

Auf den Demonstrationen erscheinen sie mit einem „panuelo azul“ – einem blauen Kopftuch. Sie demonstrieren unter dem Motto „Rette beide Leben“. Unter ihnen sind in erster Linie Vertreter der katholischen und evangelischen Kirche sowie Bürger*innen aus den Provinzen Argentiniens. Sie plädieren auf die Rechte des ungeborenen Kindes und ermutigen Frauen dazu, das Kind auszutragen und entweder selbst großzuziehen oder zur Adoption frei zu geben. Doch wer sollte über das Leben eines Kindes entscheiden? Und wie wichtig ist in diesem Zug das Leben der Mutter?


Starke Frauen mit starken Nerven


In einem Gespräch mit einer deutschen Freundin, die ebenfalls ein Jahr in Argentinien verbrachte, fiel ein Satz, der mir bis heute in Erinnerung geblieben ist: „Es braucht starke Mütter, um selbstbestimmte und starke Kinder großzuziehen.“ Ich treffe in Argentinien unglaublich starke Frauen. Frauen, die sich wehren, die Lärm machen und sagen: „Ni una menos!“ Auf deutsch: „Keine Frau weniger!“ 2015 formierte sich das feministische Kollektiv unter diesem Motto. Zu erkennen sind sie durch ihre lilafarbenen Kopftücher. Sie machen aufmerksam auf die schockierend hohe Anzahl an Femiziden. Laut Statistiken der Rosa-Luxemburg-Stiftung stirbt fast jeden Tag eine Frau durch die Hand eines Mannes. Die Dunkelziffer wird weit höher sein. Der Machismo begegnet mir in den Straßen täglich; Männer sind überlegen, sie pöbeln, reden herablassend und dominant. Die Frau wird zum Objekt gemacht und untergeordnet. Dieses Denken steht im starken Kontrast zu den selbstbewussten, starken Frauen, die mir begegnen. Doch andererseits sind der Machismo und die sexualisierte Darstellung der Frauen in diesem Land auch der Grund für eine beeindruckende feministische Bewegung, die sich seit Jahren Tag für Tag entwickelt und fortschreitet. Argentinien lebt in Kontrasten, lebt in Extremen, in emotionaler Leidenschaft. Das ist auf jeder Demonstration zu spüren, in jedem Gespräch, das man führt.


Die Vielfalt der Debatte


Ich führe viele Gespräche über die Debatte. Meine anfängliche Meinung ist klar: Ich komme aus einem Land, in dem Abtreibung zwar nicht legal, aber doch straffrei ist – ich plädiere für das Abtreibungsgesetz. Doch die Antworten meiner argentinischen Freund*innen sind vielfältig und bringen mich zum Nachdenken. So behauptet meine Freundin Maria, dass das Verständnis für ein Recht auf legale Abtreibung in Argentinien noch nicht geschaffen sei. Vielmehr müsse man bei der Bildung der Jugend anfangen. Die Sexualaufklärung an Schulen sei spärlich bis nicht vorhanden. Viele junge Mädchen bekämen von ihren Müttern gesagt, dass es für sie viel wichtiger sei, früh Kinder zu bekommen als die Schule zu beenden. Und die öffentlichen Einrichtungen würden wenig tun, die Mädchen dahingehend aufzuklären. Sie erzählt mir von drei Mädchen, die sich nach ungeschütztem Geschlechtsverkehr die „Pille danach“ holten und sie in einen Tee schmissen, den sie zu dritt tranken. „Unter diesen Bedingungen, ein Mädchen entscheiden zu lassen, ob sie abtreibt oder nicht, ist unverantwortlich“, sagt sie.

Eine andere Freundin erklärt mir, dass Abtreibung per se in Argentinien schon lange existiere. Es sei nur eine Frage des Gehaltes. Reiche Frauen nehmen die Dienste von Privatpraxen in Anspruch. Zwar sind diese Abtreibungen dann immer noch illegal, aber die Ärzt*innen schweigen und der Staat sieht nicht hin. Das große Problem seien die Frauen und Mädchen, die die finanziellen Mittel nicht haben, sich das Schweigen professioneller Ärzt*innen zu erkaufen. Sie lassen sich in Hinterhöfen unter sehr schlechten Bedingungen behandeln oder probieren es gar selbst. Studien zeigen, dass seit 1983 mehr als 3.000 Personen an den Folgen unsicherer Abtreibungspraktiken starben. Generell werden im Jahr bis zu 520.000 Fälle illegaler Abtreibung geschätzt, egal ob in einer Privatpraxis oder einem Hinterhof. „Die Frage ist, welches Trauma ist größer? Das einer jungen Mutterschaft oder das einer Abtreibung?“, fragt Maria mich. Ich habe keine Antwort darauf. Für viele Frauen bedeutet das Recht auf legale und kostenlose Abtreibung ein Stück weit Selbstbestimmung. Für andere Argentinier*innen bedeutet Abtreibung Mord. Für wieder andere ist Argentinien und seine jungen Frauen noch nicht bereit für diesen Schritt.


Wie geht´s weiter?


2018 wird der siebte Gesetzesentwurf für einen legalen Schwangerschaftsabbruch im argentinischen Abgeordnetenhaus vorgelegt. Seit 2003 scheiterten diverse Anträge – doch dieses Mal ist es anders. Denn nicht nur die Gesellschaft hat sich durch die feministischen Bewegungen gewandelt, sondern auch die Politiker*innen. Im Juni 2018 stimmt der Kongress knapp für das Gesetz. Argentinien verwandelt sich in eine grüne Welle der Freude. Diese wird zwei Monate später gedämpft, als die endgültige Entscheidung im argentinischen Senat wiederum knapp gegen das Legalisierungsvorhaben fällt. Doch der Stein ist ins Rollen geraten. Es ist der größte Erfolg, den die Bewegung der grünen Kopftücher bisher feiern kann. Die ehemalige Regierungschefin Cristina Fernández de Kirchner sagt: „Das Gesetz ist nicht vom Tisch. Es kommt nächstes oder übernächstes Jahr.“ Wie die Zeitung „taz“ berichtete, spricht der neue Präsident Alberto Fernández bei seinem Amtsantritt im Dezember 2019 von einer Entkriminalisierung der Abtreibung. Wie es weitergeht, bleibt offen. Doch die grüne Welle zieht weiter ihre Wogen.