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Die Kognition der Klimaaufklärung

Aufklärung über die Klimakrise ist eines der Hauptanliegen von Umweltbewegungen und

großer Teile der Wissenschaftsgemeinschaft auf diesem Gebiet. Durch Aufmerksamkeits- und Informationskampagnen erwartet man ein stärkeres gesamtgesellschaftliches Bewusstsein, was sich wiederum in breitere Unterstützung der Bekämpfung der Klimakrise übersetzen soll. Wie ist dieser Ansatz zu bewerten? Und wie genau kann das funktionieren?


Von Jonathan Mehlfeldt


© Lilly Merck


Rationalität und Handlung


Leitsätze wie „Sapere aude – Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen“ und das Konzept der menschlichen Vernunft stellen Grundpfeiler der pädagogischen, politischen

und intellektuellen Kultur der westlichen Welt und darüber hinaus dar. Eine gewisse Epistemologie der Aufklärung – oder genauer, die der Rationalität – wirkt nach wie vor weit in unsere Bildungs- und Informationsinstitutionen hinein. Es heißt, der Mensch sei durch seine natürliche Vernunft imstande, Fakten aufzunehmen, sie mit verfügbarem Wissen zu vergleichen und seine Überzeugungen den neu gelernten Fakten anzugleichen. Darauf stützen sich auch Programmsprüche wie beispielsweise „Listen to the science“ von Fridays For Future. Im Zuge der Aufmerksamkeitserregung wird erwartet, dass die Fakten der erwartbar – weil wissenschaftlich feststellbar – katastrophalen Auswirkungen ungebremster (menschengemachter) klimatischer Veränderungen doch tiefgreifende Eindrücke bei Personen hinterlassen müssen. Diese wiederum werden dann als Grundlage neuer Perspektiven und Handlungseinstellungen zugunsten eines, „klimafreundlichen“ politischen

und privaten Handelns dienen können.


Laut der bisher größten Studie über die öffentliche Meinung in Bezug auf den Klimawandel, durchgeführt vom United Nations Development Programme im Jahr 2020, halten 77 Prozent der Deutschen die Klimakrise für eine globale Notlage. Davon glauben 70 Prozent, dass wir alles Notwendige tun müssen, um diese auszubremsen. Ähnlich fallen die Aussagen einer Studie von 2020 und einer Studie von 2022 aus. Die britischen Umweltwissenschaftler:innen Howarth, Parsons und Thew fassen in einem Paper von 2020 zusammen, dass Aufmerksamkeit und Besorgnis weit verbreitet seien, während Klimaskepsis niedrig bleibe. Änderungen im politischen und individuellen Verhalten beobachte man jedoch selten. Eine mögliche Erklärung für diese Situation sind die im folgenden vorgestellten Konzepte. Denn mittlerweile wissen wir, dass menschliches Denken von weitaus mehr als bloß

Rationalität beherrscht ist.


Facetten menschlicher Kognition


Ein erster wichtiger Aspekt der menschlichen Verarbeitung von Fakten ist eine emotionale Komponente. So spricht beispielsweise der Gründer der Plattform „Climaware“ in einem Interview mit „Rechtverblüffend“ über psychische Abwehrreaktionen beim Thema Klimakrise, von Verlust- und Identitätsängsten. Emotionen können uns insofern einschränken, wenn wir Fakten aufnehmen und uns mit ihnen beschäftigen. Ein weiterer, grundlegender Aspekt kann mit dem Konzept der „Aufnahmekapazität“ (receptive capacity) beschrieben werden, das eigentlich aus der Innovationsökonomie stammt. Es beschreibt, dass bei der Diffusion von Hochtechnologien innerhalb eines Wirtschaftsraums nur die Individuen und Firmen mit adäquatem Wissens- und Technologiestand eine solche Diffusion auch annehmen und die Hochtechnologie verwenden können.


Auf die Dissemination von wissenschaftlichen Fakten zur Klimakrise ist dieses Konzept parallel anwendbar: Zur Aufnahme von Fakten über beispielsweise die Folgen von erhöhter CO2-Konzentration in der Erdatmosphäre ist zunächst einmal vorausgesetzt, dass die Person einen generellen Zusammenhang zwischen Klima und zum Beispiel Wetterereignissen akzeptiert und versteht. Je eher sie diese Grundlage mitbringt, desto höher ihre „Aufnahmekapazität“. Genau hier eröffnet sich ein Problem. Denn selbst bei einer grundsätzlichen Annahme von Fakten kann nicht davon ausgegangen werden, dass sich die Person damit rational auseinandersetzt und ihre Vorstellungen auf Grundlage der neuen Erkenntnisse unmittelbar korrigieren wird. Grund für diese Einschränkung ist unter anderem das Konzept des „Framings“.


Gerahmtes Denken


Der amerikanische Linguist George Lakoff beschreibt das Konzept von Framing in einem

vielzitierten Paper von 2010 so, dass wir jederzeit in unbewussten Strukturen denken, die sich

aus Bedeutungen, Bedeutungszusammenhängen und Beziehungen zu weiteren solcher

Strukturen ergeben. Diese Strukturen sind physisch innerhalb der Vernetzungen des Gehirns

repräsentiert. Man bezeichnet sie als „Frames“, also Rahmen, und sie können beim Denken

nicht vermieden werden. Wörter selbst sind zwar keine Frames, ihre Bedeutungskomponenten stehen aber innerhalb von Frames in Zusammenhang. Wortbedeutungen werden insofern subjektiv durch den Frame definiert, den das Wort beim Wahrnehmen aktiviert. Und da Frames immer in Systemen bestehen, werden dabei auch verwandte Frames innerhalb des aktivierten Systems angesprochen. Die erneute und kontinuierliche Aktivierung eines Frames verfestigt seine repräsentative neurologische Verbindung. Dies erschwert es immens, bereits bestehende Frames zu ändern. Lakoff weist ebenfalls darauf hin, dass solche Frames direkt mit emotionalen Systemen verbunden sind, was den bereits erwähnten emotionalen Aspekt menschlicher Kognition belegt und verstärkt.


Durch Sprache ausgedrückte politische Einstellungen und Interessen sind daher durch Systeme bestimmter Frames charakterisiert. Eine bestimmte sprachliche Ausdrucksweise bzw. eine gewisse „politische Sprache“ wird diese Frames auch in unterschiedlichen Kontexten aktivieren. Selbst die Negation eines Ausdrucks aktiviert somit den ursprünglichen Frame des positiven Ausdrucks. Ein Beispiel für einen solchen Frame ist das System, das mit dem eingangs benutzten Wort „Klimakrise“ aktiviert wird. Auch Fridays For Future ist das Konzept des Framings wohlbekannt, sodass sie durch die Benutzung des Wortes „Klimakrise“ versuchen, den Diskurs über „Klima“ nachhaltig mit über das Wort „Krise“ assoziierten Eindrücken zu verbinden. Und ähnlich dem Wortgebrauch durch Fridays For Future empfahl der Regierungsberater Frank Luntz 2003 der amerikanischen Regierung unter Bush, statt „global warming“ eher den Begriff „climate change“ zu verwenden. Denn das Wort klinge weniger furchteinflößend und suggeriere mehr Kontrolle. Es stellt außerdem eine menschliche Verursachung in den Hintergrund: Das Klima verändert sich nunmal. Dieses strategische Benutzen von Frames, um die Rezeption und letztlich die Wahrnehmung bestimmter Konzepte zu beeinflussen, ist „Framing“.


„Klima-Aufklärung“ neu gedacht


Die Auswirkungen des Konzepts „Framing“ ergeben sich schon aus der Inkohärenz mit dem

vorgestellten Programm einer „Klima-Aufklärung“: Fakten werden von Menschen nicht unmittelbar aufgenommen und rational verarbeitet. Vielmehr spielen verschiedene Konzepte wie Emotionen, Aufnahmekapazität, und Framing eine bestimmende Rolle. Die britische Psychologin und Umweltwissenschaftlerin Lorraine Whitmarsh stellte 2011 beispielsweise fest, dass Klimaskeptizismus stärker mit politischen Werten und Umweltwahrnehmungen zusammenhängt als mit Wissen oder gar Bildungsstand. Innerhalb solcher neuropsychologischen oder sozialpsychologischen Modelle sind jedoch selten trennscharfe Abgrenzungen zu treffen. Insofern bestehen Wechselwirkungen zwischen den genannten Aspekten: Ein Mangel entsprechender Frames hat eine geringere Aufnahmekapazität zur Folge, ebenso wie eine geringere Aufnahmekapazität vorhandene Frames weniger aktivieren wird. Ähnliches gilt bezüglich der neurologischen Verbindungen von Frames und Emotionen und bezüglich psychischer Abwehrreaktionen, die die Aufnahmekapazität beeinflussen.


Es zeichnet sich also eine kommunikative Hürde ab, die sich den Vertretern einer „Klima-Aufklärung“ stellt: Eine Änderung von Frames ist nur limitiert möglich und die neue sprachliche Ausdrucksweise, die auf diese Änderung abzielt, muss schon innerhalb bestehender Systeme schlüssig sein und emotional anschließen. Sie muss in ein kommunikatives System eingefasst sein, das ausreichende Repetition und Konfrontation mit der neuen Sprache zulässt. Sie muss dazu dienen, neue „Hintergrund-Rahmen“ in den kognitiven Systemen der Empfänger zu bilden und vertiefte, dem Verständnis der Klimakrise nachteilhafte Frames zu verdrängen. So kann sie die kontextspezifische „Hypokognition“ beheben, also den Mangel an Hintergrund-Frames und adäquaten Vorstellungen. Im Jahr 2010 bedeutete das für George Lakoff, globales und systemisches Denken zu ermöglichen, statt Klima-Ursachen und Klima-Auswirkungen lokal zu verstehen.


Angewandte Sprachpolitik


Gerade beim Thema der Klimakrise kommt problemverschärfend noch hinzu, dass bestimmte Industriebranchen und tendenziell konservative politische Interessengruppen schon lange erfolgreich Framing betreiben, was in dem Verständnis der Empfänger zu einer für diese Branchen und Interessen vorteilhaften Interpretation von Situationen und Themen führt.


Ein bekanntes Beispiel ist das Modell des CO2-Fußabdrucks (carbon footprint), eine 2005 vom Ölkonzern BP vermarktete Abwandlung des ökologischen Fußabdrucks. Das Konzept suggeriert eine individuelle Verantwortung für Treibhausgasemissionen und – vielmehr noch – die Notwendigkeit eines individuellen In-Verantwortung-Nehmens von Bürger:innen zur Reduktion derselben. Gleichzeitig verringern solche Narrative den Handlungsdruck auf wirtschaftliche und politische Systeme. 2021 analysierten die Harvard-Wissenschaftler Supran und Oreskes solche Rhetoriken auch in der PR-Arbeit von ExxonMobil. Sie warnen vor der „subtilen Mikro-Politik“ der von der Öl-Industrie angewandten Sprache.


Auch betonen zum Beispiel die amerikanischen Rhetorik-Professoren Raedemakers und Johnson-Sheehan in einem Paper von 2014, dass in Bezug auf wissenschaftliche Fakten zwischen Wissenschaftskommunikation und Wissenschaftsdissemination zu unterscheiden ist: Wissenschaftler kommunizieren in relativ ähnlichen, durch Bildung und Ausbildung geprägten Frames innerhalb der akademischen Welt. Das ist sehr effektiv, denn so verstehen sie sich schneller und präziser.

Sobald es aber darum geht, die erarbeiteten wissenschaftlichen Erkenntnisse an ein breiteres und weniger wissenschaftlich arbeitendes Publikum zu verbreiten, ist das Aktivieren anderer, publikumsspezifischer Frames notwendig, was eine andere Sprachpolitik erfordert. Das Problem des Ausspruchs „Listen to the science“ erschöpft sich in genau dieser Differenz der zum Verständnis geforderten Frames: Politiker:innen und Bürger:innen können nicht einfach hören, ihnen muss zunächst einmal sprachlich Zugang verschafft werden.


Rahmen des Rechts


Doch auch in rechtlicher Hinsicht findet Framing Relevanz. Denn Framing betrifft zum Beispiel die Rechtsetzung im Umweltschutz, weil die Kommunikation dieser Maßnahmen in der Öffentlichkeit nicht erfolgreich sein kann, wenn sie „gegnerische“ Frames nur negiert, statt eigene „Hintergrund-Frames“ zu schaffen. Dahinter ist jedoch ein Aspekt der grundlegenden Einstellung zur Kommunikation zu erkennen: Recht kann zunächst als idealisiertes Ergebnis des demokratischen Prozesses wahrgenommen werden. Das bedeutet, dass im Zuge der demokratischen Legitimationskette von Bürger:innen aus ein politischer „Input“ bezüglich Gesellschaft, Politik und – indirekt – Gesetzgebung gefordert wird. Das Konzept des Framings wird nun relevant, wenn wir darüber nachdenken, wie Bürger:innen diesen Input subjektiv bilden und formulieren. Denn Interessengruppen beeinflussen den öffentlichen „Meinungswettbewerb“ zu ihrem Vorteil. Das ist im Pluralismus auch so vorgesehen, jedoch sind einige Interessengruppen darin schlicht besser als andere. Manche betrachten Framing daher als ein Instrument für „progressive“ Interessengruppen, um ein scheinbares demokratisches Machtgefälle auszugleichen und den öffentlichen Diskurs genau wie ihre „Gegner“ zu beeinflussen.


Allerdings könnten wir Framing auch als Mittel effektiver und zuverlässiger Informationsvermittlung wahrnehmen, statt als Instrument zur Einflussnahme. Framing gibt insofern Aufschluss darüber, wie Bürger:innen Informationen verarbeiten und kontextualisieren. Mit solchen Einsichten kann jede:r – ob Bürger:in oder Politiker:in – besser erklären, was genau verteidigt oder vorgeschlagen wird. Und vor allem solche, die mit dem Kontext einer Idee weniger vertraut sind, hätten dann eine bessere Chance, sie richtig zu verstehen und für sich selbst in Betracht zu ziehen. In diesem Sinne ist Framing ein Werkzeug, um Informationen präzise zu kommunizieren und Missverständnisse oder unbewusste Neuinterpretationen zu vermeiden.


Wir können so – in den Worten von George Lakoff – die Wahrheit kommunizieren, weil wir „die Wahrheit effektiv framen“ können. Denn was ist die „Wahrheit“ im post-faktischen Zeitalter mehr, als die bestmögliche Annäherung an ein unerreichbares Ideal bedeutungsverlustfreier Kommunikation?