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Zwischen später Digitalisierung und Corona-Abitur: Take-Home Messages nach über einem Jahr Pandemie

Die COVID-19-Pandemie war eine Dauerbelastung für das deutsche Schulsystem: Umfassender Unterrichtsausfall, Desiderate in der Digitalisierung, Druck seitens Wirtschaft und Gesellschaft für valide und repräsentative Abschlussprüfungen sowie ständig wechselnde Vorschriften. Der Alltag an deutschen Schulen ist seit Anfang März 2020 nicht mehr derselbe und wird es – hoffentlich – auch nie mehr. Denn wenn COVID uns eins gezeigt hat, dann ist es die fehlende Resilienz an deutschen Schulen.


Ein Kommentar von Norman Sogojeva

© Pixabay.

Das Ding mit der Digitalisierung


Als die Pandemie ins Rollen kam stand das deutsche Schulsystem vor allem vor einem Problem: dem Fehlen einer digitalen Unterrichtsstruktur. Von fehlenden Endgeräten über mangelnde Qualifikation von Lehrkräften bis hin zur fehlenden Vermittlung digitaler Kompetenzen. Die Digitalisierung an deutschen Schulen steckte – wenn überhaupt – noch in den Startlöchern. Während uns manche Länder weit Voraus waren, zeichnete sich das Bild ab, dass Deutschland in Sachen digitaler Bildung Spätzünder ist.


Zu sagen, dass das deutsche Bildungssystem einfach zu träge für Digitalisierung sei, wäre eine Generalisierung des Problems. Als Lehramtsstudent bekomme ich hautnah die Innovationsfähigkeit der digitalen Bildung mit. Von BiParcours (digitales Stationenlernen) zu ganzen LearnPress-Websites (Lernwebsites mit simpler Programmierung). Die Lehramtsausbildung – zumindest in Köln – bemüht sich stark, Studierende im Bereich der Digitalisierung ausreichend zu qualifizieren. Die digitale Infrastruktur ist, zumindest in der Theorie, da. Aber was verhindert die Applikation dieser Konzepte an den Schulen?


„Deutschland ist in Sachen digitaler Bildung Spätzünder“

Zunächst einmal sollte auf das Arbeitspensum dieser Unterrichtsform verwiesen werden. Das Erstellen von digitalen Inhalten dauert teilweise sehr lange. Dies ist eines der Probleme, die wir in Deutschland haben. Das größere Problem ist jedoch das fehlende Wissen über diese Programme. Ich habe mein Studium 2018 begonnen. Dass ich mich mit digitalen Lernmöglichkeiten beschäftige, sollte selbstverständlich sein. Nichtsdestotrotz ist das Einbeziehen von digitalen Medien und Apps in der Lehramtsausbildung gar nicht so alt. Viele aktuelle Lehrkräfte kennen diese Lernplattformen gar nicht. Dazu kommt, dass wir in der Pandemie nicht mal zwei Wochen Fortbildungszeit hatten. Schule während Corona ist Schule im Notbetrieb.


Sozioökonomische Disparität


Lehrer*innen müssen gewährleisten, dass der Lehrbetrieb so gut wie möglich weiterläuft. Dies ist oft sehr von der Qualifikation und Erfahrung der Lehrkraft abhängig. Auf der anderen Seite zeigt Schule im Notbetrieb auch Disparitäten unter Schüler*innen. Sozioökonomisch stärkere Schüler*innen haben nicht nur einen einfacheren Zugang zur kritischen Infrastruktur (digitale Endgeräte, Breitbandanschlus/WLAN), sondern auch zu familiären Ressourcen. Eltern, die sich im Laufe ihrer eigenen Berufsausbildung und Werdegang eine gewisse digitale Kompetenz angeeignet haben, sind Eltern, die in traditionelleren Arbeitsverhältnissen stehen, überlegen. Zumindest im Hinblick auf die Unterstützung ihrer Kinder im digitalen Unterricht.


Somit steht eines fest: die Digitalisierung ist nicht nur die Zukunft der deutschen Bildung, sondern auch der Pfeiler. Wenn wir es als Gesellschaft nicht schaffen, unseren Schüler*innen einen umfangreichen und fairen Zugang zu digitaler Infrastruktur zu ermöglichen, vergrößern wir die Kluft zwischen Arm und Reich. Schule muss effizienter werden, grundlegende digitale Kompetenzen zu vermitteln. Schüler*innen müssen früh autonom im digitalen Raum werden. Nur so können wir gewährleisten, dass gerade die benachteiligte Schülerschaft einen Zugang zu erstklassiger Bildung erhält.


Die Take-Home-Message: Es muss (viel!) mehr in die Digitalisierung an deutschen Schulen investiert werden. Darüber hinaus muss die kritische Infrastruktur für jeden zugänglich sein. Auch gesellschaftlich müssen wir was tun. Denn Notebooks, iPads und Smartphones sind längst keine Luxusgüter mehr, sondern notwendige Ressourcen für eine erfolgreiche Partizipation. Demnach muss der deutschen Politik klar werden, dass wir mehr staatliche Strukturen brauchen, um die Ressourcen für die Massen zu öffnen.


Das Corona-Abitur und die Validität von Abschlüssen


Ein weiteres Desiderat in der Pandemie war die Debatte um Schulabschlüsse. Um genauer zu sein, war oft von Fairness die Rede. Ein Durchschnittsabitur ist vorherigen Jahrgängen gegenüber unfair. Aus diesem Grund hat man sich entschieden, an den Zentralabiturprüfungen festzuhalten. Diese seien ja fair, denn es sind dieselben Prüfungstypen wie all die Jahre zuvor.


„NEIN. Es ist nicht fair!“

Aber ist gerade nicht das unfair? Ich meine, ja gut, der erste Corona-Jahrgang musste de facto nur einen Monat Distanzunterricht über sich ergehen lassen. Das bedeutet aber auch, dass der jetzige Jahrgang seit 14 Monaten im Wechselunterricht sitzt. Die Qualifikationsphase – also die Phase, die uns auf das Abitur vorbereitet – zieht sich in den meisten Bundesländer über zwei Jahre. Wenn wir uns anschauen, dass der jetzige Corona-Jahrgang nur ein Halbjahr von vier unter normalen Bedingungen Unterricht hatte, muss ganz klar dementiert werden: NEIN. Es ist nicht fair!


Jeder, der wie ich unter normalen Umständen das Abitur abgelegt hat, weiß wie wichtig die Lehrer*innen-Schüler*innen-Kommunikation ist. Einerseits brauchen Schüler*innen Feedback zur Leistung, zwischenmenschliche Unterstützung und einfach mal klare Ansagen. Andererseits brauchen Lehrer*innen einen Überblick über den (Miss-)Erfolg ihrer Schüler*innen. Der digitale Unterricht bietet zu wenig Interaktion zwischen den beiden Akteur*innen, sodass es dazu kommt, dass die Kommunikation flacher und unvollständiger wird. Fehler können kaum ausgebügelt werden. Schüler*innen und Lehrer*innen sind müde. Die kognitiven Kapazitäten sind aufgebraucht. Aber: DER ABSCHLUSS MUSS DOCH DEN ANDEREN JAHRGÄNGEN GEGENÜBER FAIR SEIN.


Der Weg des geringsten Widerstands


Ist er aber nicht. Sowieso, Fairness in Abschlussprüfungen ist eine Utopie. In den Bildungswissenschaften spricht man von der Validität – also der Gültigkeit – des Abschlusses. Während es durchaus Sinn macht zu sagen, dass das Abitur mit Abschließen der Prüfungen gültig ist, muss man auch den Weg zum Abitur betrachten. Wie kann der Abschluss valide sein, wenn wir dieselben Messkriterien wie immer nehmen, obwohl wir wissen, dass der Jahrgang noch nie zuvor gesehene Herausforderungen hatte. Das kann weder fair noch valide sein. Zumindest aus Perspektive der Schüler*innen.


„Sind unsere Abschlüsse überhaupt noch valide?“

Hier wird wieder deutlich: Schule beugt sich der Gesellschaft. Wenn wirtschaftliche Vertreter*innen ihre Bedenken gegenüber anderen Lösungen äußern, gehen Schulen den Weg des geringsten Widerstands. Was verständlich ist. Denn was bringt ein Durchschnittsabitur, wenn Unternehmen Abiturient*innen aufgrund fehlender Abiturprüfung ablehnen? Noten und Leistungsmessung sind wichtig. Unsere meritokratische Gesellschaft verlässt sich auf die Selektion- und Allokationsfunktion von Schule. Nichtsdestotrotz sehen wir den Trend, dass große Unternehmen eigene Assessment-Centers durchführen und schulische Erfolge – teilweise komplett – außer Acht lassen. Hier kommen wir an einen Wendepunkt: sind unsere Abschlüsse überhaupt noch valide?


Trotzdem würde ich gerne eine weitere Take-Home-Message formulieren. Denn was uns die Diskussion zeigt ist, dass wir teilweise zu großen Wert auf Noten legen. Eine Note ist mehr als eine Ziffer auf dem Zeugnis. Hinter jeder Note steckt eine individuelle Evaluation. Vielleicht ist jetzt der Zeitpunkt gekommen, den Trend der Standardisierung entgegenzutreten und individuelle Bewertungen zu ermöglichen.


Die Macht muss zurück an die Schulen


Im letzten Jahr hat sich vor allem ein Spannungsfeld abgezeichnet: Schule versus politische Entscheidungsträger*innen. Vom Verbot gegen Wechselunterricht, bis hin zu fehlender Wahrnehmung. Schulen waren oft machtlos in der Bekämpfung der pandemischen Ungleichheiten. Schulen mussten sich der Politik beugen. Oftmals widersprach der Lehrer*innenverband der Kultusministerkonferenz, welche sich trotzdem durchsetzte.


Was deutlich wird ist, dass die Standardisierung von Bildung Grenzen hat. Bildung agiert in Grauzonen. Bildung lebt von Innovation und Erfahrung. Man kann keine Blaupause über alle Schulen in der Bundesrepublik formulieren. Das ist und war immer schon unmöglich. Was man aber kann ist Schulen mehr Autonomie zu schenken. Schulen die Möglichkeit geben, selbstbestimmter zu agieren. Auch wenn dieser Abschnitt zukunfts-utopische Dimensionen annimmt, ist zu sagen: Vertraut Lehrer*innen. Die Lehramtsausbildung in Deutschland geht inklusive Referendariats knapp 6 ½ Jahre (wenn man schnell ist). Wir sprechen von hochausgebildeten Fachkräften, die durchaus qualifiziert genug sind, individuelle Entscheidungen für ihre Schüler*innen zu treffen.


„Wie soll ich innovieren, wenn ich weder die Ressourcen noch den Raum dazu bekomme?“

Hier ziehe ich auch die Gesellschaft mit ein. Kein Beruf ist so stark von der Meinung Einzelner betroffen wie dieser. Wenn wir heranwachsenden Lehrkräften vermitteln, dass unser Studium zwar gut und schön ist, aber wir generell dazu angehalten sind, ein Curriculum und nur dieses Curriculum abzuarbeiten, dann frage ich mich ehrlich, warum ich überhaupt studiere. Schule muss flexibel sein. An der Uni wird uns beigebracht innovativ zu sein. Zu innovieren. Wie soll ich innovieren, wenn ich weder die Ressourcen noch den Raum dazu bekomme?


Generation Corona: Ein Haufen Pioniere


Die letzte Take-Home-Message richtet sich nun an die Gesellschaft und vor allem, all diejenigen, die den jetzigen Jahrgang bemitleiden und ihn stigmatisieren: die Pandemie hat Abiturient*innen zu Pionieren gemacht. Pioniere, die wir in den nächsten Jahrzehnten brauchen werden.


Die Jobverhältnisse haben sich gewandelt. Immer mehr Betriebe stellen Leute für kürzere Zeitspannen an. Die Karriereleiter erfordert oft hochqualifizierte, teilweise auch überqualifizierte Abschlüsse. Geopolitische Beziehungen sind dynamisch und oft unberechenbar. Jedoch hat uns die Pandemie gezeigt: allein geht’s nicht. Internationale Bündnisse und Kooperationen sind notwendig. Diese müssen aber auch gepflegt werden. Zusätzlich haben wir mit der Klimakrise die größte Herausforderung der globalen Bevölkerung vor uns. Mit anderen Worten: wir brauchen Pioniere. Menschen, die abseits des Status Quo denken. Myrle Dziak-Marla, ehemalige Leiterin des Kölner Zentrum für Lehrer*innenbildung, sagte einmal in einem Vortrag, dass die Digitalisierung selber gar nicht so schwer ist zu etablieren. Die Schwierigkeit liegt in der hohen Geschwindigkeit der Digitalisierung. Wir müssen Schritt halten. Und dafür brauchen wir Menschen, wie den jetzigen Abiturjahrgang. Die diesjährigen Abiturient*innen zeichnet eine hohe Resilienz, eine starke Ausdauer, große Kreativität und Eigenverantwortung sowie Adaptions- und Innovationsfähigkeit aus. Warum ich mir da so sicher bin? Weil Sie es geschafft haben. Weil Sie es geschafft haben, in diesen Zeiten das Abitur zu absolvieren. Dieser Jahrgang braucht nicht unser Mitleid. Wir müssen die Auswirkungen der Pandemie nicht auf diesen Jahrgang projizieren. Wir können dem Jahrgang nur applaudieren.