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Feminismus im Jurastudium: Augen auf und durch!

In diesem Gastbeitrag erklären Eva Maria Bredler, Anne Dewey, Dilan Deniz Kılıç und Jara Streuer, warum Justitia ihre Augen gar nicht erst verbinden, sondern schon in der Universität eine feministische Brille aufsetzen sollte.


Die Richterin des Bundesverfassungsgerichts Susanne Baer hat Justitia bereits im Jahr 2004 geraten, „ihre Augenbinde zu lüpfen – und sich vielleicht eine Brille zuzulegen“, um einen feministischen Blick auf das Recht zu werfen. Denn ein solcher Blick ist für verschiedene faktische Ungleichheiten geschärft, die rechtlich (re)produziert werden. Diese Ungleichheiten zu erkennen und abzubauen ist nicht weniger als Verfassungsauftrag: Artikel 3 Grundgesetz enthält neben dem allgemeinen Gleichbehandlungsgrundsatz in Absatz 1 auch spezifische Diskriminierungsverbote in Absatz 3. Diese werden für das Geschlechterverhältnis zusätzlich von einem staatlichen Förderauftrag in Absatz 2 flankiert.


Alle Ungleichheiten im Blick

Feministische Rechtwissenschaft verschreibt sich diesem Verfassungsauftrag hinsichtlich aller Diskriminierungsverbote und untersucht, wie das vermeintlich neutrale Recht bestehende Machtverhältnisse normativ zementiert und sich so auf verschiedene Gruppen unterschiedlich auswirkt. Die feministische Brille aufzusetzen bedeutet also nicht, den Blick nur auf die Diskriminierung aufgrund des Geschlechts zu richten. In Anschluss an die Schwarze RechtswissenschaftlerinKimberlé W. Crenshaw muss Diskriminierung intersektional gedacht werden. Intersektionalität bedeutet, dass Diskriminierung aufgrund mehrerer Merkmale gleichzeitig, also mehrdimensional stattfinden kann. Die Diskriminierung „verdoppelt“ sich dann nicht einfach, sondern die verschiedenen Ebenen verschränken sich zu einer spezifischen Diskriminierungserfahrung. So werden beispielweise Weiße und nicht-Weiße, arme und reiche Personen, Personen mit und ohne körperliche Beeinträchtigung der verschiedenen Geschlechter mehrfach und unterschiedlich diskriminiert. Wenn Justitia ihre feministische Brille aufsetzt, dann schaut sie immer durch diese intersektional geschliffenen Linsen. Wirft Justitia dann einen Blick auf die juristischen Fakultäten, kommt zunächst ein wenig Hoffnung auf. Denn an immer mehr deutschen Universitäten werden feministische Fragen von engagierten Rechtswissenschaftler:innen in den akademischen Diskurs getragen und dort fest verankert. Nichtsdestotrotz fristet die feministische Rechtswissenschaft in dem – für Studierende oft richtungsweisenden – Curriculum weiterhin ein Schattendasein. So sind etwa das Familienrecht, das Antidiskriminierungsrecht oder das Sexualstrafrecht häufig ebenso wenig wie feministische Kritik am Recht Teil der juristischen Ausbildung.

Diversität? Fehlanzeige!

Auch beim Blick in die juristischen Fallbücher reibt sich Justitia ungläubig die Augen: Wenn die Welt so wäre, wie es einige Bücher glauben machen wollen, sollten sämtliche Personen ohne alte-Weiße-Männer-Potential schleunigst die Bibliothek verlassen und sich von der Rechtswissenschaft verabschieden:

Einer Studie der Rechtswissenschaftlerin Dana-Sophia Valentiner zufolge sind nur 18 Prozent der in 87 untersuchten Klausursachverhalten auftretenden Personen Frauen; und davon werden 46 Prozent über eine Beziehung zu Männern definiert, nur 39 Prozent der Frauen sind berufstätig. Auch rassistische Stereotype finden sich immer wieder, wie die Beispiele in dem von ihr gemeinsam mit Lucy Chebout und Selma Gather ins Leben gerufenen Blog Üble Nachlesezeigen. Solche Stereotype bleiben keine ärgerlichen, aber abstrakten Sachverhaltskonstruktionen, sondern steuern konkrete menschliche Entscheidungen durch unbewusste Annahmen (sog. unconscious oder implicit bias). Mit welcher Eselsbrücke wir uns die Definition einer Verfügung merken, ist also nicht banal.

Diese Auswirkungen springen Justitia auch prompt am Ende der juristischen Universitätsausbildung ins Auge: Emanuel Towfigh, Christian Traxler und Andreas Glöckner konnten nachvollziehen, dass Frauen zwar mit besseren Noten in das rechtswissenschaftliche Studium starten, beim staatlichen Teil der juristischen Prüfung jedoch durchschnittlich 0,29 Punkte schlechter abschneiden als ihre männlichen Kollegen. Auch ein anhand von Geburtsort, Staatsangehörigkeit oder Namen vermuteter Migrationshintergrund korreliert mit einer um etwa 1,42 Punkte schlechteren Examensnote. Für beide Gruppen ist es – insbesondere im Prädikatsbereich – außerdem weniger wahrscheinlich, dass sie die nächsthöhere Notenstufe erreichen.


Von Kritik zu Utopie

Justitia kann also den Blick nicht davor verschließen, dass diskriminierungsfreie Lehre kein Selbstzweck ist. Die fehlende Diversität an den Rechtsfakultäten und die mangelnde Diskriminierungssensibilität in der juristischen Ausbildung wirken sich nachhaltig auf Rechtswissenschaft und -praxis aus. So entsteht eine Kultur, in der nur knapp 16 % der Professor:innen weiblich sind, teure Lehrbücher, private Repetitorien und das Mittagessen außerhalb der Mensa immer noch als selbstverständlich gelten und ein unverhohlen rassistischer Aufsatz eines etablierten Verfassungsrechtlers im renommierten beck Verlag veröffentlicht werden konnte. Dabei sind feministische Rechtsthemen schon längst Teil der aktuellen politischen Debatten: Catcalling, Parität in den Parlamenten oder die Streichung des Begriffs „Rasse“ aus dem Grundgesetz sind nur einige Beispiele dafür, wie intensiv unterschiedliche soziale Positionen rechtspolitisch verhandelt werden.

Damit künftige Rechtsanwender:innen nicht diese dargestellten Lebensrealitäten übersehen, auf die sie das Recht später anwenden, müssen Studierende sensibilisiert werden. Und wer die feministische Brille einmal aufgesetzt hat, kann und will sie so schnell nicht mehr absetzen. Diesen feministischen Blick auf das Studium und den Universitätsalltag will ein städteübergreifendes Netzwerk von Studierenden und wissenschaftlichen Mitarbeiter:innen schärfen, zu dem die Verfasserinnen gehören. Im Rahmen der „Sommerakademie Feministische Rechtswissenschaft“ können Studierende intersektionale Rechtskritik üben, aktuelle feministische Rechtsdiskurse reflektieren und Utopien entwerfen – educate, enrage, empower! Die Veranstaltung soll sowohl eine didaktische Leerstelle im Universitätsalltag als auch die kommunikative Leerstelle in Zeiten der Pandemie für Studierende füllen.


Die „Sommerakademie Feministische Rechtswissenschaft“ findet digital vom 4. bis 6. Juni 2021 unter dem Leitmotiv „Von Kritik zu Utopie“ mit Unterstützung von Prof. Dr. Nora Markard statt. Anmeldungen sind ab dem 1. Mai 2021 möglich. Der Teilnahmebeitrag beträgt 10 Euro. Für mehr Informationen sowie die Möglichkeit zur Anmeldung geht es hier entlang.