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Filmempfehlung: “Shadowgame“ – Dokumentation eines Spiels um Leben und Tod

Digitale Flüsterpost: Hörensagen ist unsere Reihe für kulturelle und mediale Geheimtipps von Studierenden für Studierende. Unter Hörensagen sprechen unsere Redakteur*innen und Autor*innen ihre (Recht)verblüffendsten Podcast-, Buch-, Film- und Video- Empfehlungen rund um das Thema Recht und Gerechtigkeit aus! Dieses Mal im Fokus: Der Dokumentarfilm "Shadowgame".


von Elisabeth Perschthaler


© Jolanda Olivia Zürcher.

Ein Flussufer in einer Stadt in Europa, die aussieht wie viele europäische Städte. Das Wetter ist schön, die Sonne scheint. Leute sitzen am Wasser, unterhalten sich, lesen. Dazwischen Shiro, ein 15-Jähriger, der gerade seinen Bruder anruft. Die beiden sind seit einer Weile zusammen unterwegs, doch vor kurzem haben sich ihre Wege getrennt. Denn an der Grenze von Bosnien-Herzegowina zu Kroatien wurden sie und die Jugendlichen, mit denen sie unterwegs waren, von der Grenzpolizei entdeckt. Shiro ist in die eine Richtung gerannt, Jano, 18, in die andere. Shiro ist es gelungen, die Grenze zu überqueren, Jano nicht. Weil Shiro bei der Flucht sein Handy verloren hat, hört Jano jetzt, nach Tagen, das erste Mal ein Lebenszeichen von seinem jüngeren Bruder. Zusammen überlegen sie weiter: wie kann es Jano diesmal gelingen, unentdeckt über die Grenze zu kommen und Shiro einzuholen?


Vielen Zuschauer*innen von „Shadowgame“ muss dieser Film vorkommen wie ein Blick in eine Parallelwelt. Wer die Berichterstattung zur Migration nach Europa seit 2016 verfolgt hat, meint vielleicht, sich irgendwann einigermaßen auszukennen mit der Situation. Man meint: Da gibt es Länder, in denen Krieg herrscht. Andere, in denen sich seit Jahrzehnten nichts an der politischen Situation ändert. Da gibt es Schlauchboote auf dem Weg nach Italien und Griechenland, manche kommen an. Da gibt es „überfüllte Flüchtlingslager auf griechischen Inseln, deren Namen für Menschen aus Nord- und Mitteleuropa früher mal nach Sommerurlaub klangen und jetzt nach einer humanitären Katastrophe. Und dann gibt es natürlich die Debatten, die Verhandlungen und Aussagen von Politiker*innen, national und auf EU-Ebene. „Shadowgame“ erzählt eine eigene Geschichte.


SK ist 15 und kommt aus Afghanistan. Nach Griechenland, wo er festsitzt, ist er zu Fuß gelaufen. Die beiden Dokumentarfilmerinnen aus den Niederlanden, die unter anderem ihn für diesen Film gecastet haben, hält er mit Handyvideos über seine Weiterreise auf dem Laufenden. In den Videos spricht er fließend Englisch, oft beginnen sie mit „Hi friends!“ und erinnern an den Stil von Youtube-Vlogs. SKs Vlogs handeln von dem „Game“, das er und andere Jugendliche spielen. Das „Game“ gibt es in unterschiedlichen Varianten, man kann es zu Fuß spielen, als blinder Passagier in einem Zugcontainer, hinten auf der Plattform stehend oder unten am Zug hängend. Es ist ziemlich schwierig, die meisten brauchen sehr viele Anläufe, um zu gewinnen. Gewinnen heißt: eine binneneuropäische Grenze, meist auf dem Weg über die Balkanroute nach Westeuropa, zu überqueren. Verlieren heißt manchmal: zurückgeschickt werden. Manchmal heißt es auch: sterben.


Die 10 jugendlichen Protagonisten aus „Shadowgame“ spielen alle mit, und obwohl sie es so nennen, ist ihnen natürlich vollkommen klar, dass es sich nicht um ein Spiel handelt. Dem*der Zuschauer*in wird das erst später im Film so richtig bewusst. Vielleicht, wenn SK sich und andere im Inneren eines Zugcontainers filmt, in den sie von Schleppern gelotst wurden. Oder wenn Mo in Griechenland davon erzählt, wie er auf dem Weg von Mazedonien nach Serbien überfallen und verprügelt und ihm alles gestohlen wurde. Spätestens wenn Mustafa, weinend, einen Arm in einer Schlinge, erzählt, wie er und andere von 14 Grenzpolizisten gefoltert wurden.


Nicht alle Bilder und Geschichten aus den drei Jahren, in denen die niederländischen Filmemacherinnen Eefje Blankevoort und Els van Driel mit ihrem Team die Jugendlichen begleitet haben, sind so erschreckend. In einigen Szenen sieht man Freunde zusammen lachen, essen, scherzen, Fußball spielen. Man sieht Haustiere: eine Katze und einen Hund, die irgendwo auf der weiten Reise aufgetaucht und geblieben sind. Man sieht Teenager, die auf Tiktok posten und junge Männer, die beim Telefonieren mit ihren Müttern zuhause so tun, als wäre alles gut. Der Film zeigt Etappen einer Reise, die für manche der Jungs mittlerweile beendet ist, weil sie am Ziel angekommen sind, oder weil sie aufgegeben haben und versuchen, anders zu überleben. Manche sind noch unterwegs. Alle von ihnen sind männlich – die Filmemacherinnen erklären im Interview mit dem DOK.fest München, dass das auf die große Mehrzahl der Jugendlichen, die sie in Griechenland und in den Balkanländern angetroffen haben, zutrifft. Die wenigen unbegleiteten Mädchen sind noch größeren Gefahren ausgesetzt und versuchen nach Möglichkeit, nicht völlig allein unterwegs zu sein.


„Shadowgame“ ist nicht nur ein Dokumentarfilm, sondern ein Projekt, das die Geschichten von einigen der Jugendlichen weitererzählt, wie man auf www.shadowgame.eu verfolgen kann.

Auf dieser Website findet man auch ein Manifest, das „Shadowgame“ in einen politischen Kontext stellt. Denn so real und gefährlich, wie das „Game“ im Film ist, so illegal sind seine Bedingungen. Bei den sogenannten „Push backs“ an binneneuropäischen Grenzen wird den Flüchtenden nicht nur ihr Recht auf Asyl verweigert, sondern systematisch gegen das Völkerrecht verstoßen. Insbesondere kroatische Grenzschutzbeamt*innen sind seit Jahren dafür bekannt, mit extremer Gewalt und Willkür gegen Flüchtende vorzugehen. Weil zudem für unbegleitete Minderjährige auf der Flucht besondere Rechte gelten, wird Jugendlichen ihr Alter oftmals nicht geglaubt. Die Vorfälle, von denen „Shadowgame“ erzählt, sind keine Einzelfälle. Und sie sind auch nicht Angelegenheit einzelner Nationen: die Bewachung und Sicherung der kroatischen EU-Außengrenze wird unter anderem von Deutschland mitfinanziert, die kroatische Politik von der EU-Kommission gelobt.


Die Schöpferinnen von „Shadowgame“ fordern in ihrem Manifest ein sicheres Asylverfahren für Minderjährige, deren Schutz und Begleitung auf dem Weg durch Europa und ein Verbot von Gewalt gegen Kinder an den Grenzen sowie eine Beschleunigung der Prozesse zur Wiedervereinigung von Familien. Außerdem betonen sie, dass auch jungen Erwachsenen, deren Lage sich mit der Volljährigkeit schlagartig ändert, besondere Rechte zustehen sollten. Die Protagonisten des Films sind so mutig und optimistisch, dass die Momente ihrer Verzweiflung besonders mächtig wirken. Einmal sagt der 17-jährige Mustafa: „Findet uns eine Lösung. Wir sind müde.“


Im Kontrast zum Inhalt des Films stehen seine beeindruckenden Bilder. Wir sehen die ganze Bandbreite an europäischen Landschaften: Meer und Sandstrand, dichte Wälder, schneebedecktes Gebirge – meist scheint alles verlassen bis auf die kleinen, sich hastig und leise bewegenden Gruppen von Menschen auf der Durchreise. Die metaphernreiche Sprache der Jugendlichen (das „Game“, die Monster, der Dschungel), erweckt zuweilen den Anschein einer postapokalyptischen Welt. Dieses dystopische Element soll auch innerhalb des „Shadowgame“-Projekts aufgegriffen werden. Ein Computerspiel ist in der Entwicklung, bei dem sozusagen die Seiten wechseln: man spielt einen animierten jungen Flüchtenden auf dem Weg über den Balkan.


Das könnte geschmacklos wirken. Doch vielleicht trifft es auch in Schwarze. Schon der Trailer vermittelt auf beklemmende Weise dasselbe Gefühl wie der Film: Hier wird ein Spiel gespielt, das eigentlich gar keines ist.


„Shadowgame“ ist zurzeit im Rahmen seiner Deutschlandpremiere neben vielen anderen sehenswerten Dokumentationsfilmen auf dem DOK.fest München noch bis zum 23. Mai 2021 zu sehen.