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Fluch und Segen: Die Familie und das Weihnachtsfest

Der vierte Advent – Heiligabend rückt näher, die festlichen Vorbereitungen verlieren langsam ihre festliche Note und machen sich in Stress breit und die Familie debattiert am Küchentisch: Der vierte Advent - das ist meist das mindestens vierte Wochenende im Jahr, an dem die Familie sich morgens den Kopf darüber zerbricht, wie zwei unglaublich wichtige Aspekte des Jahres miteinander in Einklang gebracht werden können: Eben diese Familie und ja, auch eben dieses Weihnachtsfest.


von Paul Dießelberg und Emily Müller


© Fabian Hassel


Nicht nur für diejenigen, die Weihnachten als religiöses Fest begreifen, hat die Zeit zwischen dem 24. und 26. Dezember schon immer eine zentrale gemeinschaftliche Bedeutung gehabt. Man wird eingeladen oder lädt ein, isst reichlich, feiert, stößt an, beschenkt sich und trifft Menschen, Familienmitglieder oder Freunde, die man „schon seit Ewigkeiten“ nicht mehr gesehen hat. Während Thanksgiving in den USA, Eid al Fitr im Islamischen, Diwali im Hinduistischen oder Hanukkah im Jüdischen schon immer Feste der Offenheit, des großzügigen Spontanen waren, entwickelte sich Weihnachten jedoch immer mehr in eine kompliziert-exklusive Richtung. Kaum ein Fest hat in Deutschland solch eine Kultur, ja fast schon Mystik des Vorbereitens einer gemeinschaftlichen Zusammenkunft im Laufe der Zeit entwickelt, und kaum ein Fest hat solche strikten Ansprüche an sich selbst, ohne zu merken, dass es ausgrenzende, toxische und ja, oftmals auch Familien- und Gemeinschafts-unfreundliche Züge annimmt.


In der Chronologie der familiären Weihnachtsvorbereitungen beginnt alles – wie so oft – mit dem Arbeitgeber, denn die Weihnachtsfeiertage sowie die Zeit „zwischen den Jahren“ ist der vermutlich einzige universelle Zeitpunkt der Entschleunigung im Leben vieler. Weihnachtsfeiern werden angekündigt, Weihnachtsgelder verteilt und es besteht allgemeine Akzeptanz dafür, dass der Dezember eine Zeit ist, in der Familie und Gemeinschaft – nicht die Arbeit – im Vordergrund steht. Das universelle Wünschen „schöner Weihnachtsfeiertage“ sind die letzten Worte, bevor man in die wohlverdiente Pause als nicht-Urlaub abschalten kann. Das ist zwar generell eine gute Sache, aber verursacht ein kulturell-soziales Ungleichgewicht: Menschen, die Weihnachten feiern, können nach Hause gehen und werden dort meist von Festlichkeiten erwartet. Menschen, die kein Weihnachten feiern, wird eine quasi-Urlaubszeit eingeräumt, die an für sie nichts Soziales geknüpft ist, während andere kulturelle Feste im Jahr vom deutschen Durchschnittsarbeitgeber kaum Berücksichtigung finden. Außerdem: Wäre es nicht viel schöner, wenn der Jahreskalender der kulturellen Entschleunigung vielfältiger wäre? Dann könnte sich auch im Arbeitskontext eine Gemeinschaft als Art Familie etablieren, die Kultur, Feier, Entschleunigung und Wertschätzung zum Wohle aller mehrmals im Jahr ermöglicht. Dass dies letztlich auch ein an die Politik und Arbeitsrechtsfraktion adressierter Appell sein soll, steht außer Frage.


Während die Arbeitsfamilie also auseinander geht, kommt die eigentliche Familie zusammen. Doch so einfach ist es meist nicht: Von klassischen Familienkonstellationen, die strikt und einzig aus Großeltern, Mann, Frau, Sohn, Tochter und Freund und Freundin bestehen, sollte man heute nicht mehr ausgehen, zumal solche Konstellation – würden sie überhaupt existieren – sowieso meist im weihnachtlichen vor-Streit zerbrechen. Nicht nur in Covid-Zeiten sind Familien immer mehr örtlich zerrissen, befinden sich teilweise im Ausland oder in ländlichen Regionen, die winterliches, nachhaltiges Reisen nicht zulassen. Nicht jede Familie verfügt über ein Haus oder eine Wohnung, die groß genug ist, um Familienmitglieder schlafen zu lassen. Vielleicht liegen die Eltern oder Großeltern im Pflegeheim, welches dann aus Mitleid irgendwie am zweiten Weihnachtsfeiertag noch schnell besucht werden muss. Vielleicht reichen die finanziellen Ressourcen nicht, um das obligatorische Festmahl oder auch nur Wiener Würstchen mit Kartoffelsalat aufzutischen. Und was, wenn die jahrzehntelangen Traditionen des in-die-Kirche-Gehens, der Bescherung oder des Plätzchenbackens durch Kontaktbeschränkungen ins Wasser fallen.


Es stellt sich also die Frage, ob ein jährlicher Anlass, an dem es dem Selbstverständnis nach zur guten Sitte gehört, mit der Familie zu feiern, einerseits entfremdeten oder zerstrittenen Familienmitgliedern gut tun könnte, um eine Gelegenheit zu haben, sich anzunähern und zu versöhnen. Insbesondere durch das sich in Deutschland durchgesetzte Modell der Kleinfamilie, durch das Verwandte außerhalb der Kernfamilie oft mehrstündige Zugfahrten oder gar Flüge entfernt leben, bietet Weihnachten für viele die Gelegenheit, mal alle zur selben Zeit am selben Ort zu versammeln. Oder erzeugt es andererseits einen Druck, ja Zwang, die Feiertage nicht gänzlich so zu gestalten, wie man sich wohlfühlt, wenn sich die Vorstellung eines gelungenen Heiligen Abends ggf. von der der Mehrheit unterscheidet. So gibt es genügend Menschen, die schon in ihrer Kindheit ein mulmiges Gefühl im Magen hatten, als es auf das Weihnachtsfest zu ging und sie die Frage beantworten mussten: Mit Mama oder Papa feiern? Niemanden enttäuschen. Oder Menschen, die immer mit dieser einen Tante feiern müssen, die sie noch nie leiden konnten. Oder vielleicht müssen sich einige Familien mit einem recht neuen Konfliktpunkt auseinandersetzen: Impfgegner*innen treffen auf Geimpfte. Auch in den Jahren zuvor mag es über die Feiertage, die ein oder anderen eskalierenden politischen Debatten gegeben haben, wie das eben so ist, wenn der Opa von der Lausitz auf die vollvegane Enkelin, die in Leipzig studiert, trifft. Aber die Corona-Debatte trifft in Sachen Emotionalität und Leidenschaft bei vielen einen anderen Nerv.


Wir alle haben es schon erlebt, und dennoch besteht jedes Jahr ein erneut allgemeiner Anspruch, dass das Weihnachtsfest perfekt wird, exklusiv für die Familie ist und keinerlei Spontanität zulässt. Akzeptanz besteht dabei selten für diejenigen, die keine Familie haben, für diejenigen, die aus psychischen Gründen lieber alleine feiern möchten oder für diejenigen, die Weihnachten nicht als das Fest der Familie, sondern vielmehr als das Fest der Freund*innen sehen. Das wundert schon allein deshalb, weil Weihnachten selten Menschen wirklich zusammenbringt; denn nach den Festlichkeiten gehen alle wieder nach Hause und bis zum nächsten Dezember wird – überspitzt gesagt - nicht mehr gesprochen. Oft enden die Feste selbst im Streit.


Wozu also das ganze Hin & Her? Wozu die familiäre Zwanghaftigkeit? Warum nutzen wir nicht Weihnachten als tatsächliches Fest der Liebe, der Barmherzigkeit und des eigenes Friedens, wie es die Weihnachtsgeschichte uns hätte lehren sollen? Warum ziehen wir nicht von Haus zu Haus, feiern mit unseren Freund*innen, laden Bedürftige ein, etablieren eine offene Kultur des Austauschs, nicht von Geschenken, Essen oder immer wieder erzählten Familiengeschichten, sondern von Sorgen, Ehrlichkeit und vermeintlich Fremdem?

Warum ist es unser einziges wirkliches Fest im Jahr? Warum überhaupt „unser“ Fest?


Wir brauchen eine neue Kultur des Feste-Feierns, entfernt von Zwang, Exklusivität und familiärer Tradition, sondern hin zu freundschaftlicher Zusammenkunft, kultureller Vielfalt und allgemeinem Respekt. Und das nicht einmal im Jahr, sondern möglichst oft, mit möglichst vielen oder auch wenigen Menschen. Denn Druck, Zwang und Konflikt sollten nie Teile festlicher Vorbereitungen sein. Weihnachten dieses Jahr bietet eine Möglichkeit, darüber zu reflektieren, gerade in Zeiten, in denen Menschen mit Krankheit, Einsamkeit, Flucht oder Krieg konfrontiert werden. Vielleicht sollten wir gerade dies berücksichtigen, wenn wir der nächsten Person oberflächliche Weihnachtswünsche zukommen lassen.

In diesem Sinne: Frohe Weihnachten und…