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Gabriel Baunach: „Man muss die Menschen auf der Gefühlsebene erreichen“

Gabriel Baunach war erst 27 Jahre alt, als er Climaware gegründet hat – eine Plattform, auf der die Fakten zum Klimawandel verständlich aufbereitet und Auswege aus der Krise diskutiert werden. Um zwischen Wissenschaftlern und der Öffentlichkeit Brücken des Verstehens zu bauen, hält er zu diesen Themen auch Vorträge, gibt Workshops und interviewt Politiker und Wissenschaftler in seinem Podcast (in dem man übrigens alle relevanten Informationen zum Klimawandel in nur 100 Minuten nachhören kann).


Das Gespräch hat eine knappe Stunde gedauert. Gabriels Antworten sind lang, aber stets strukturiert und nie unüberlegt. Er spricht von Sorgen, die Menschen angesichts der Klimakrise haben: von Verlustängsten durch politisches Handeln und von Klimaangst wegen der Ernsthaftigkeit der Lage. Dass beides normal sein kann, dass es Wege gibt, diesen Ängsten zu begegnen und wie die aussehen können. Er klang nachdenklich, das war nicht zu überhören, aber die Hoffnung hat er noch nicht aufgegeben.


von Emma Bruhn


© Laura Kirst.


Rechtverblüffend: Steigen wir direkt mittendrin ein: Inwieweit liegt es an mangelndem Wissen, dass sich in Sachen Klimaschutz nicht viel mehr tut?


Gabriel Baunach: Das ist wirklich die Gretchenfrage. Alle Menschen, die einigermaßen wach durchs Leben laufen, können mit dem Thema Klimawandel etwas anfangen – es ist ja wirklich omnipräsent. Die allermeisten Leute haben daher auch erkannt, dass die Erhitzung der Atmosphäre wirklich ein Problem darstellt. Aber: Tiefergehendes Wissen darüber ist meiner Erfahrung nach noch nicht so verbreitet. Viele wissen nicht, wo die Ursachen des Problems liegen, wer dafür verantwortlich ist, was wir jetzt tun müssen und vor allem wie schnell. Das liegt aber nicht an der tatsächlichen Wissensmenge oder deren Qualität; die genügen, denke ich. Wenn man wollte, könnte man sich seinen Kanal und seine Materialen suchen, um sich aufzuklären und zu bilden – der Klimawandel ist schließlich bereits seit 30, 40 Jahren bestens wissenschaftlich erforscht.


„Viele wissen nicht, wo die Ursachen des Problems liegen, wer dafür verantwortlich ist, was wir jetzt tun müssen und vor allem wie schnell.“

Die Frage ist also, warum die Menschen sich nicht weiter informieren. Meiner Erfahrung nach liegt das vor allem an den Gefühlen, die das Thema bei ihnen auslöst. Sie haben psychologische Abwehrreaktionen, weil beim Thema Klimawandel schnell Ängste entstehen. Bei den einen Verlustängste, weil sie in unserem fossilen System viele Privilegien genießen und die Veränderungen fürchten, die auf sie zukommen, wenn wir das Thema endlich ernst nehmen. Aber auch Identitätsängste sind weit verbreitet: Den Leuten dämmert, dass sie über Jahrzehnte mit jedem Flug, den sie genommen haben, ihrem andauernden Konsum und ihrer Gasheizung im Keller das Problem selbst mit befeuert haben. Sie nehmen sich plötzlich als schlechte Menschen wahr und wissen nicht, wie sie damit umgehen sollen. Außerdem wäre die Suche nach weiteren Informationen das Eingeständnis, dass sie doch noch nicht so gut Bescheid wissen – auch das ist Menschen grundsätzlich unangenehm.


Kurzum: Das Wissen über die Klimakrise ist noch nicht so weit verbreitet, wie es sein müsste, damit die Politik jetzt schnell ins Handeln kommen könnte und die erforderlichen Maßnahmen von der Bevölkerung mitgetragen werden würden. Das liegt aber nicht an der Menge und der Qualität des Wissens, das verfügbar ist, sondern eher an den Brücken oder den Vermittler*innen, die den Menschen das Wissen zugänglich machen. Die nehmen auf die abwehrenden Gefühle der Menschen noch nicht genug Rücksicht.


Rechtverblüffend: Dann basiert deine Arbeit im Kern auf der Überzeugung, dass sich mehr Menschen schnelles politisches Handeln wünschen würden, wenn da bessere Brücken gebaut werden würden?


Baunach: Ja, wobei ich am Anfang tatsächlich davon ausgegangen bin, dass es eher um die Faktenebene geht. Ich dachte, dass das Thema Klimakrise noch nicht gut genug erklärt wurde. Dass, wenn Menschen sich mit ihrem Hirn und Verstand ansehen, was jetzt die Lage ist, auf welche Zukunft wir gerade zusteuern und wie dringend wir jetzt – also wirklich jetzt! In diesem Jahr eigentlich noch – handeln müssen, sie dies auch politisch fordern würden. Der Überzeugung bin ich gewissermaßen noch immer, aber ich habe in den letzten 1,5 Jahren dazugelernt und gemerkt, dass unsere abwehrenden Emotionen uns oft daran hindern, uns der Faktenlage überhaupt in der Tiefe zu widmen. Also habe ich den Ansatz meiner Arbeit leicht verändert: Ich versuche nicht nur, die Fakten besser zu erklären, sondern auch, dabei noch mehr auf die Gefühle der Menschen einzugehen. Sich mit den Fakten zu beschäftigen ist eben schmerzhaft.


Rechtverblüffend: Wie bewegt man die Menschen zum Handeln, die zwar vielleicht um die Fakten wissen, aber den Kopf in den Sand stecken wollen; wie begegnet man also der Verdrossenheit in dieser Sache?


Baunach: Ich glaube auch genau über die Emotionen. Die beginnen ab einer gewissen Faktenmenge, die die Menschen rational begriffen haben. Die Menschen, die von diesen Fakten nicht ins Handeln kommen wollen, die politisch notwendigen Maßnahmen bremsen oder sich komplett querstellen, haben oft Ängste. Für ein radikales und vor allem schnelles politisches Handeln, muss man sie daher auf der Gefühlsebene erreichen. Das geht vor allem durch tieferes Verständnis und Nachfragen auf der emotionalen Ebene. Ich frage oft: „Hast du vielleicht Angst, wenn du über unsere globale Lage angesichts der Klimakrise nachdenkst?“ Oder noch besser: „Was sind deine Sorgen?“, denn Angst ist für viele Menschen schon ein zu esoterisches Wort. Dann versuche ich, die Menschen ein bisschen aus ihrem Kopf rauszuführen und ihnen den Raum zu geben, ihre Emotionen richtig zu spüren. Und im Anschluss versuche ich, sie auf der Gefühlsebene anzusprechen und vielleicht auch abzuholen – indem ich ihre Sorgen möglicherweise beschwichtigen, oder ihnen jedenfalls Mittel und Wege zeigen kann, wie sie mit ihnen umgehen können. Oft genügt es auch, ihnen zu versichern, dass es vollkommen in Ordnung ist, wenn sie mit anderen Leute aus ihrem Bekanntenkreis offen über ihre Sorgen sprechen.


„Für ein radikales und vor allem schnelles politisches Handeln, muss man die Menschen auf der Gefühlsebene erreichen.“

Rechtverblüffend: Und wie gehst du mit Menschen um, die den Klimawandel insgesamt leugnen?


Baunach: Mittlerweile begegnen mir sehr wenige Menschen, die leugnen, dass wir eine Erderwärmung haben. Oder dass die Erderwärmung, die wir haben, menschengemacht ist. Dagegen ist Bremsen das neue Leugnen – die erforderlichen Maßnahmen werden verschleiert, verklärt, verschoben, verdrängt. Aber wenn mir jemand begegnet, der den Klimawandel full-on leugnet, dann lasse ich den ab einem gewissen Punkt einfach stehen. Ich versuche, auf den Konsens in der Wissenschaft hinzuweisen und von meinen eigenen Erfahrungen vor Ort beim UN-Klimasekretariat, beim Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung, bei der Klimakonferenz 2019 zu berichten. Außerdem wieder auf die Gefühlsebene zu schauen: „Warum leugnest du wissenschaftliche Fakten? Hast du vielleicht Angst? Wovor?“ Den Leuten zuhören, nicht aggressiv draufloshämmern, Verständnis walten lassen und ihnen Raum geben, sich zu bewegen. Aber wenn das nicht wirkt, ist mir meine Energie zu schade, um mich an diesen Granitblöcken abzuarbeiten, wenn ich stattdessen Leben formen kann. Man braucht nicht 100 Prozent der Bevölkerung, um politische Maßnahmen umzusetzen. Manche Menschen kann man eben nicht erreichen, das bringt einfach nichts.


Rechtverblüffend: Welche Resonanz erhältst du denn insgesamt auf deine Arbeit? Du hältst ja auch Vorträge und gibst Workshops zum Thema Klima – wie reagieren die Menschen, die daran teilnehmen?


Baunach: Größtenteils sind die Leute ziemlich begeistert von einem mentalen Modell, das ich ihnen vorstelle, um sie von der individualistischen Sicht auf sie und ihren täglichen Konsum wegzuführen. Gedanken über den eigenen CO2-Fußabdruck führen meistens zu Schuldgefühlen und Scham, weil es dabei allein um den Schaden geht, den man der Umwelt zufügt. Deshalb versuche ich in Ergänzung zum Fußabdruck auf den Handabdruck zu schauen. Die Menschen können mit ihren Händen etwas erschaffen, sie können mit anderen Menschen gemeinsam Projekte im Beruf umsetzen, aber auch in der politischen Arena etwas bewegen – das sind allesamt Handlungsmöglichkeiten, die eine starke positive Auswirkung aufs Klima haben können. Meiner Erfahrung nach ist das ein sehr motivierendes Konzept, das die Menschen deutlich mehr abholt, als das Narrativ des Fußabdrucks. Wenn ich das erkläre und zeige, wie genau man seinen Handabdruck umsetzen kann, sind die Reaktionen durchweg positiv, weil auf diesem Wege Schuld, Scham und die Ängste, die mit dem Klimawandel verbunden sind, überwunden werden können. Und den Menschen klar wird, wie viele Handlungsmöglichkeiten ihnen zur Verfügung stehen, die tatsächlich einen impact haben.


„Gedanken über den eigenen CO2-Fußabdruck führen meistens zu Schuldgefühlen und Scham, weil es dabei allein um den Schaden geht, den man der Umwelt zufügt. Deshalb versuche ich in Ergänzung zum Fußabdruck auf den Handabdruck zu schauen.“

Rechtverblüffend: Und welche Tipps gibst du den Menschen für ein nachhaltigeres Leben im Alltag? Wie kann man das Gefühl der Handlungsohnmacht überwinden und einen positiven Handabdruck hinterlassen?


Baunach: Zuerst sollte man sich unbedingt mal den eigenen CO2-Fußabdruck anschauen, um sich dem Thema überhaupt zu nähern (Anm. d. Red.: Das geht zum Beispiel mit diesem Rechner vom Umweltbundesamt). Der veranschaulicht, was ein Leben auf der Welt so bewirken kann. Auf dieser Ebene leider nur Negatives, weil unsere Strukturen so wenig nachhaltig sind, dass so ziemlich jede menschliche Aktion dem Planeten erst einmal schadet. Wenn ich morgens aus dem Haus gehe und in den Bus steige, ist das sicherlich weniger schädlich, als das Auto zu nehmen – aber immer noch schädlich. Und wenn ich mit dem Zug in den Urlaub fahre, dann ist das weniger schädlich, als zu fliegen – aber eben auch schädlich. Trotzdem ist es wichtig, erst einmal ein Verständnis dafür zu entwickeln, wie viel Schaden man als Mensch denn überhaupt so anrichtet. Das ist der erste Schritt.


In Deutschland emittiert jeder Mensch im Durchschnitt 11 Tonnen CO2 im Jahr. Ohne radikal aus der Gesellschaft auszusteigen, kann man das durch ein nachhaltiges Leben um etwa 5 Tonnen reduzieren. Das bedeutet, dass jede Einzelperson mit all ihren tagtäglichen Entscheidungen für ein Jahr einen Hebel von ungefähr 5 Tonnen Reduktion für die ganze Gesellschaft hat. Diesen Hebel kann man im zweiten Schritt aber massiv vergrößern, wenn man im Handabdruck-Konzept denkt. Viele Menschen können da bereits mit der Berufswahl etwas bewirken: Arbeitet ein Ingenieur etwa bei Shell und hilft, neue Bohrprojekte in der See vor Norwegen umzusetzen, oder arbeitet er für Ørsted und baut Windkraftanlagen, die Off-Shore vor den USA eingesetzt werden sollen? Es wird dasselbe Know-How angewendet, aber in zwei ganz verschiedenen Wirkungssphären. Natürlich gibt es auch im Beruf selbst Möglichkeiten, den eigenen Hebel zu vergrößern: Mitarbeitende können sich zusammenschließen und etwa mittels Kettenbriefen fordern, dass das Unternehmen klimaneutral wird, mehr Fahrradständer und E-Ladesäulen auf den Parkplätzen installiert oder seinen Beschäftigten an Tagen, an denen weltweite Klimastreiks von Fridays for Future stattfinden, freigibt. Es gibt viele solcher Ideen, wie man mit anderen Menschen gemeinsam viel mehr bewirken kann als diese 5 Tonnen...


Es ist also wichtig, darüber nachzudenken, wie man strukturell etwas verändern kann. Und damit kommt der dritte Punkt: die politische Sphäre. So wurde etwa das Klimaschutzgesetz, wie es 2019 in Deutschland beschlossen wurde, durch Demonstrationen auf ein ganz anderes Niveau gehoben. Fridays for Future und diverse Petitionen haben politischen Druck aufgebaut, das Gesetz wurde vorm Bundesverfassungsgericht in Teilen kassiert und das Klimaziel musste nachgeschärft werden. All das wurde durch Menschen bewegt. Dieser Hebel ist noch mal viel größer als alles, was wir privat oder beruflich tun können. Über diese drei Schritte können die Menschen also in die Selbstwirksamkeit kommen. So können sie merken: Ich kann etwas bewegen. Ich spüre das vielleicht nicht ganz so direkt, wie wenn ich mit meinen Händen einen Baum pflanze, aber ich kann die Struktur der Gesellschaft mit anderen Menschen zusammen mit meinem Handabdruck tatsächlich verändern.


Rechtverblüffend: Ein Weg weg von Verboten und der Schuldfrage im Alltag, der die Menschen auf einer größeren Ebene zum Handeln ermächtigt...


Baunach: Richtig. Vielleicht kennst du das selbst: Wie viel Zeit und wie viel Energie lässt man dabei, sich am Supermarktregal bei all den kleinen Entscheidungen im Alltag immer wieder schlecht zu fühlen und zu hinterfragen? Die Avocado, der Kuhmilchjoghurt, die man will, obwohl man weiß, dass das eigentlich nicht so gut ist... Wie viel mehr würde man aber bewegen, wenn man diese Zeit und Energie, die man da in Kleinigkeiten verliert, in ein oder zwei Stunden pro Woche bündeln würde? Ich nenne das immer die „Klimastunde“, die man sich wiederkehrend jede Woche fest in den Kalender einträgt, um ein Handabdruckprojekt für sich umzusetzen und den eigenen Hebel damit zu vergrößern. Und vielleicht fühlt man sich dann auch ein bisschen weniger schlecht, wenn man mal nicht so perfekt im Alltag ist. Das soll natürlich keine Ausrede sein, um gar nicht auf seine individuellen Handlungen zu achten, aber es ist eben eine sinnvolle Ergänzung. Es hilft den Leuten, ins empowerment zu kommen – weg von Ohnmacht und Schuld.


Rechtverblüffend: Wie schafft man es, nicht in die Militanz abzurücken, wenn man sich – wie du – jeden Tag mit diesem Thema auseinandersetzt? Oder ist das gewissermaßen sogar erforderlich?


Baunach: Ich sehe das so: Bei großen gesellschaftlichen Veränderungen gab es immer Stimmen, die etwas Radikales gefordert haben, das aber für die Menschheit insgesamt eigentlich wünschenswert war – beispielsweise das Streben nach Unabhängigkeit in Indien, das Gandhi angeführt hat oder die Bürgerrechtsbewegung in den USA von Martin Luther King. Es gibt viele solcher – aus heutiger Sicht moralisch guter – Veränderungen, die aus damaliger Sicht absolut radikal waren und gegen die es dementsprechend viel Widerstand gab. Vor allem von denjenigen, die dafür etwas abgeben mussten. Im großen Theaterstück unserer Gesellschaft hat auf globaler Ebene aktuell Greta Thunberg die Rolle der Radikalen inne; vielleicht gewissermaßen auch Extinction Rebellion als Bewegung. Es braucht diese Rolle, deren Wirkung nicht abzustreiten ist. Sie muss aber – und das ist sehr wichtig – friedlich sein. Und wohlwollend. Offen für einen Dialog. Auch Mittel des zivilen Ungehorsams sind in der Vergangenheit oft zum Einsatz gekommen, aber es ging immer um passiven Widerstand. Keinen aktiven und militanten, um das Wort aufzugreifen. Es gibt also den Bedarf nach einer Galleonsfigur. Dahinter kommen die ersten Menschen, die sie unterstützen, ihr folgen und an der Gesellschaft drücken, ziehen, zerren und fordern. Sie gehen auf die Straßen, demonstrieren, basteln Schilder und rufen. Erst danach formen sich Massen, die mitmachen – wie 2019 etwa bei den Fridays for Future-Demonstrationen. Im Anschluss kommen die Macher*innen, die bemerkt haben, dass sich gesellschaftlich etwas bewegt und die Veränderung umsetzen wollen. Das kann durch Gesetze sein, die einem politischen Vorstoß folgen, aber auch durch Dienstleistungen oder Produkte aus der Wirtschaft, die entwickelt werden, um einen neuen Bedarf zu decken. Beispiele für so etwas sind heute etwa klimaneutrale Produkte oder Kompensationsplattformen für Flüge.


Das ist meine Sicht darauf, wie Veränderung in der Gesellschaft passiert. Die Frage ist also nicht, wie militant man sein muss, um möglichst viel zu bewirken, sondern wo man in der Wirkungskette mit seinem Wesen am besten hinpasst. Dann hat man in der Regel die größte Wirkungsentfaltung. Man sollte sich also fragen: Ist es für mich authentisch, militant zu sein? Für mich persönlich zum Beispiel nicht.


„Die Frage ist nicht, wie militant man sein muss, um möglichst viel zu bewirken, sondern wo man in der Wirkungskette mit seinem Wesen am besten hinpasst. Dann hat man in der Regel die größte Wirkungsentfaltung.“

Rechtverblüffend: Der Zusammenprall von den Militanten auf Menschen, die in Sachen Klimawandel – aus welchen Gründen auch immer – handlungsunwillig sind, kann ja durchaus heftig sein. Empfindest du deine Arbeit als Vermittler zwischen den verschiedenen Rollen je als frustrierend?


Baunach: Ich muss offen gestehen: ja. In manchen Situationen wünsche ich mir auch, als Klima-Aktivist mehr Mut zu haben. Und mehr von dieser Mir-ist-egal-was-andere-Leute-denken-Einstellung. Eben zu 100 Prozent dem inneren Kompass zu folgen. Dafür bin ich aber dann in der Realität doch viel zu harmoniebedürftig, vermittelnd – ich bin eben wirklich eher Brücke als Speerspitze. Deshalb denke ich auch, dass ich in dieser Brückenfunktion viel mehr bewirken kann, als wenn ich anfange, radikaler zu kommunizieren und zu wirken. Radikal zu sein würde mich viel zu viel Energie kosten.


Rechtverblüffend: Wochenlang befanden sich einige Jugendliche vor der Bundestagswahl im Hungerstreik; zwischenzeitlich hatten sie sogar damit gedroht, nichts mehr zu trinken, wenn Politiker*innen nicht zum Thema Klimaschutz mit ihnen ins Gespräch kommen und sich mit ihren Forderungen auseinandersetzen. Gibt es einen Punkt, an dem der Kampf für die Umwelt für dich zu weit geht?

Baunach: Der Kampf für die Umwelt geht zu weit, wenn man andere Menschen in ihrer Gesundheit gefährdet. Wenn man Gewalt auf sie anwendet. Im Übrigen hat jeder Mensch ein Hoheitsrecht über den eigenen Körper. Und so weh das tut, jemandem zuzusehen, wenn er oder sie leidet: Wenn das selbstbeschlossen ist – und jetzt lehne ich mich ethisch-moralisch für einige vielleicht zu weit aus dem Fenster – dann sollte da keiner einschreiten. Ich kann niemandem absprechen, in Hungerstreiks zu treten, von deren Wirkungskraft er oder sie überzeugt ist.


Rechtverblüffend: Du beschäftigst dich bei deiner Arbeit immerzu mit den Fakten des Klimawandels, die ja wirklich mehr als besorgniserregend sind und wenig Raum für Hoffnung lassen. Wie schaffst du es, positiv zu bleiben?


Baunach: So positiv und hoffnungsvoll bin ich gar nicht. Es ist eher so eine Art stoische Hoffnung, die darauf beruht, dass ich das mir Mögliche mache – und das Ergebnis dieser Handlungen eben nicht in meiner Hand liegt. Es ist beinahe eine Demut der weltweiten Staatengemeinschaft, oder, noch größer, der Evolution gegenüber. Letztendlich bin ich doch nur ein kleiner Mensch, der vielleicht 80 oder 90 Jahre vor sich hinlebt und sich nicht zu sehr daran aufhängen darf, dass irgendwas passieren muss, nur weil er es versucht. Ich hoffe es natürlich trotzdem. Der Text „Pale Blue Dot“ von Carl Sagan hilft mir außerdem, ab und zu die Perspektive zu weiten und ganz weit rauszuzoomen. Das finde ich sehr beruhigend. Und dann setze ich noch auf die Möglichkeit einer ganz schnellen Transformation, wenn ein sozialer Kipppunkt erreicht wird. Ich denke, wir sind in einem Wettrennen zwischen einem solchen sozialen Kipppunkt, ab dem die Gesellschaft es sich zur Aufgabe macht, die Klimakrise mit allen Mitteln so schnell wie möglich zu bekämpfen, und einem klimatischen Kipppunkt, ab dem das nicht mehr geht. Die Coronakrise hat uns jedenfalls – so schlimm sie war und ist – gezeigt, dass politisches Handeln auch sehr schnell möglich sein kann, wenn die Bevölkerung das fordert und trägt. Ich hoffe natürlich, dass die westlichen Industriestaaten den sozialen Kipppunkt noch in diesem Jahrzehnt erreichen werden. Und sich dann auf internationaler Ebene so schnell so viel tut, dass wir das Thema noch eingedämmt bekommen.


„Wir sind in einem Wettrennen zwischen einem sozialen Kipppunkt, ab dem die Gesellschaft es sich zur Aufgabe macht, die Klimakrise mit allen Mitteln so schnell wie möglich zu bekämpfen, und einem klimatischen Kipppunkt, ab dem das nicht mehr geht.“

Rechtverblüffend: Du hast es dir zur Aufgabe gemacht, möglichst viele Menschen über die Fakten des Klimawandels aufzuklären – letztendlich mit dem Ziel, durch diese Arbeit der Krise in Teilen abzuhelfen. Und andererseits hilft es dir, darüber nachzudenken, wie begrenzt die Einflussmöglichkeiten eines einzelnen Menschen sind. Und wie unbedeutend unser Leben auf der Erde im Verhältnis zum Universum (Stichwort „Pale Blue Dot“). Wie gehst du mit diesem Widerspruch um?


Baunach: Man muss eben sein Möglichstes tun. Und wenn man sich sicher ist, dass man das gemacht hat – und das auch in 20 Jahren retrospektiv so sehen würde – dann muss man ab diesem Punkt loslassen und das Geschehen aus der Hand geben.


Rechtverblüffend: Beschäftigen dich die Themen Klimaangst und Klimadepression?


Baunach: Ich habe selber starke Wellen von Klimaangst gehabt – und habe sie auch immer noch. Mittlerweile sind sie aber weniger stark. Das Thema Klimadepression beschäftigt mich also sehr. Ich war sogar in Therapie deswegen, was mir sehr geholfen hat. Wenn jemand extreme Angst hat und zu sehr in eine Art Lethargie, Hoffnungslosigkeit, Verzweiflung oder Depression abrutscht oder abzurutschen droht, kann ich also absolut empfehlen, sich professionelle Hilfe zu suchen. In manchen Kreisen mag das noch ein bisschen stigmatisiert sein, aber zum Glück bricht das immer mehr auf. Das ist überhaupt nichts Schlimmes. Emotionen wie Angst und Verzweiflung angesichts der globalen Katastrophe zu spüren, auf die wir eventuell zusteuern, ist eigentlich nichts Pathologisches. Genau genommen ist das erst einmal eine nachvollziehbare, vielleicht sogar angemessene Reaktion. Nur muss man dann lernen, angemessen damit umzugehen, damit das Problem nicht entgleist.


„Emotionen wie Angst und Verzweiflung angesichts der globalen Katastrophe zu spüren, auf die wir eventuell zusteuern, ist eigentlich nichts Pathologisches. Genau genommen ist das erst einmal eine nachvollziehbare, vielleicht sogar angemessene Reaktion.“

Mir hat der sehr rationalistische Gedanke geholfen, dass ich der Gesellschaft so ja auch nicht helfe. Sich selbst an erste Stelle zu stellen und erst dann aus einem Gefühl der Stärke zu geben, ist daher glaube ich sehr wichtig. Die Klimakrise ist eben ein Marathon und kein Sprint. Das Thema wird uns unser gesamtes Leben lang begleiten, ganz gleich wie wir jetzt noch damit umgehen. Selbst im best case scenario werden die klimatischen Folgen ein paar Jahrhunderte andauern. Das ist Fakt, das ist Wissenschaft. Deshalb müssen wir einen langfristigen Umgang damit finden. Meiner Erfahrung nach kann das nur klappen, indem wir uns und unsere Kraftreserven, unsere mentale Gesundheit priorisieren und erst anfangen, zu handeln, wenn wir stark genug sind. Und uns zurückziehen, uns Pausen gönnen und um uns selbst kümmern, wenn wir merken, dass wir in den gelben oder sogar den roten Bereich kommen. Auch Spaziergänge in der Natur oder Sport können climate action sein, wenn man dabei seine Akkus wieder auflädt, um danach weitermachen zu können.


"Die Klimakrise wird uns unser gesamtes Leben lang begleiten, ganz gleich wie wir jetzt noch damit umgehen. Selbst im best case scenario werden die klimatischen Folgen ein paar Jahrhunderte andauern.“

Rechtverblüffend: Und zum Abschluss: Welche konkreten Vorhaben würdest du sofort umsetzen, um der Klimakrise abzuhelfen, wenn du könntest?


Baunach: Es gibt so viele Punkte... Die absolut wichtigsten: Erneuerbare Energien, CO2-Bepreisung, klares Wirken auf EU-Ebene, eine gute Umsetzung des „Fit for 55“-Pakets und des Green Deals. Und natürlich der Einsatz von Ordnungsrecht, um klimaschädlichen Technologien ein Auslaufdatum zu geben.


Die erneuerbaren Energien sind aber der absolute Kernpunkt. Wenn wir es nicht schaffen, das gesamte Stromnetz 2030 – oder jedenfalls bald danach – umzustellen, wird alles andere auch nicht klappen. Außerdem brauchen wir eine wirklich ambitionierte, aber realistische Wasserstoffstrategie, weil wir nicht alles mit Strom versorgen können werden. Es muss also grüner Wasserstoff sowohl in Deutschland hergestellt als auch hierher importiert werden. Ebenso essentiell ist es, den Kohleausstieg auf 2030 vorzuverlegen. Einige Marktentwicklungen deuten aktuell darauf hin, dass das ohnehin dadurch geschehen wird, dass der CO2-Preis in Europa momentan total steigt. Mittlerweile beträgt dieser mehr als 60 Euro pro Tonne. Besser wäre es allerdings, er würde auf EU-Ebene 100 Euro übersteigen – diese Einnahmen könnten dann pro Kopf mit einer Klimadividende an die Menschen zurückgezahlt werden, um soziale Härten abzumildern. In der Landwirtschaft müsste es darüber hinaus einen Treibhausgaspreis geben – etwa auf die Methanemissionen, die durch Rindfleischproduktion entstehen. Es braucht nicht nur eine Strom-, Energie- und Wärmewende, sondern auch eine Agrarwende. In der Art und Weise wie wir Fleisch- und Milchprodukte bereitstellen muss sich einfach auch noch wahnsinnig viel ändern.


Rechtverblüffend: Wir hätten noch viele weitere Fragen, aber bei dir drängt die Zeit. Vielen Dank für das interessante Gespräch!


Baunach: Sehr gerne.