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Hörensagen - Sommerlektüre - "Menschliche Dinge" von Karine Tuil


Digitale Flüsterpost: Hörensagen ist unsere Reihe für kulturelle und mediale Geheimtipps von Studierenden für Studierende. Unter Hörensagen sprechen unsere Redakteur*innen und Autor*innen ihre (Recht)verblüffendsten Podcast-, Buch-, Film- und Video- Empfehlungen rund um das Thema Recht und Gerechtigkeit aus! Dieses Mal im Fokus: Das Buch "Menschliche Dinge" von Karine Tuil


von Elisabeth Tscharke

© Jolanda Zürcher

Die Familie Farel scheint alles zu haben, was man sich nur wünschen kann.

Der pariser Elitestudent Alexandre, Sohn von Jean, einem prominenten und einflussreichen Fernsehjournalisten und Claire, einer bekennenden und begabten Feministin, befleckt diese makellose Fassade jedoch, als er von einer jungen Frau wegen des Vorwurfs der Vergewaltigung bezichtigt wird.


Der Roman skizziert den darauffolgenden Gerichtsprozess und zeigt, wie fragil die erfolgsversprechende Zukunft eines jungen Menschen sein kann, und wie eng Glück und Leid häufig beieinander liegen.

Mitten in Zeiten der #MeToo-Debatte beweist Tuil auf erschreckend einleuchtende Weise, dass körperliche Nähe bei der ersten Begegnung zweier Menschen stets als eine Medaille mit zwei Seiten betrachtet werden muss: Was für den einen pure Erotik mit devotem Charakter sein kann, mag für den anderen eine in der Grauzone liegende Gewalterfahrung darstellen. Dabei wird deutlich, wie tief verwurzelte familiäre und gesellschaftliche Prägungen auf diese Divergenz Einfluss haben können.


Die Frage, ab wann ein Geschlechtsakt als eine Form der Vergewaltigung gewertet werden muss, ist auch in den Rechtswissenschaften stark umstritten. Schon allein deswegen ist der Roman für Jurastudent*innen eine eindrückliche Studie, die an den amerikanischen Fall „Stanford“ angelehnt ist. Dabei dokumentiert das Werk, welches Dilemma diese Frage für das (Straf-)Recht darstellt, wenn sich Aussage gegen Aussage und die zerbrochenen Zukunftsvisionen und Schicksale zweier junger Menschen im Prozess gegenüberstehen.

Das Werk ist aber auch für alle anderen Leser*innen lehrreich, denn es legt den Finger in die schmerzhafte Wunde der Schattenseiten von Sex und Macht, die zu selten an die Öffentlichkeit dringen.


“Menschliche Dinge“ (original: Les Choses humaines), geschrieben von Karine Tuil, erschien 2020 aus dem Französischen von Maja Ueberle-Pfaff übersetzt im Claassen Verlag.