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Hörensagen - "Gott" von Ferdinand von Schirach

Digitale Flüsterpost: Hörensagen ist unsere Reihe für kulturelle und mediale Geheimtipps von Studierenden für Studierende. Unter Hörensagen sprechen unsere Redakteur*innen und Autor*innen ihre (Recht)verblüffendsten Podcast-, Buch-, Film- und Video- Empfehlungen rund um das Thema Recht und Gerechtigkeit aus! Dieses Mal im Fokus: Das Theaterstück "Gott" von Ferdinand von Schirach.


von Marie Müller-Elmau

© Jolanda Olivia Zürcher.

„Wem gehört mein Leben?“ – dieser ebenso pathetischen wie berechtigten Frage geht Ferdinand von Schirach in seinem neuen Theaterstück „Gott“ auf den Grund. In "Gott" diskutieren vor minimalistischem Bühnenbild, das in Oliver Reeses Inszenierung am Berliner Ensemble einen freundlich wirkenden, bürokratisch deutschen Konferenzraum darstellen soll, unterschiedliche gesellschaftliche Vertreter*innen die Frage nach dem selbstbestimmten Sterben.


Am 26. Februar dieses Jahres fällte das Bundesverfassungsgericht ein kontrovers diskutiertes Urteil: Sterbehilfe, in Form von ärztlicher Beihilfe zum Suizid, ist erlaubt. Damit wurde Paragraf 217 des Strafgesetzbuches für verfassungswidrig und das Recht auf selbstbestimmtes Sterben für einen Akt der autonomen Selbstbestimmung erklärt. Daraus folgt nicht, dass Ärzt*innen jetzt aktive Sterbehilfe durch Einsetzen von etwa Todesspritzen leisten oder auf Wunsch eines Patienten die Behandlung abbrechen dürfen. Es bedeutet nur, dass Ärzt*innen von nun an einem Menschen, der sich entschlossen hat, zu sterben, ein tödliches Medikament verschaffen dürfen, das dieser dann selbst einnimmt. Ähnlich auch der Fall in „Gott“: Herr Gärtner ist kerngesund, möchte aber nach dem Tod seiner Frau nicht mehr weiterleben. Seine Augenärztin bittet er um die Beschaffung eines tödlichen Medikaments, das ihm aber verweigert wird. Daraufhin zieht er mit seinem Anwalt vor den nationalen Ethikrat. Die gerichtliche Entscheidung vom Februar diesen Jahres arbeitete von Schirach kurzfristig noch in das Stück ein. Juristische, ärztliche und theologische Sachverständige diskutieren unter Befragung der Mitglieder des Ethikrats die Frage: Hat Herr Gärtner ein Recht auf selbstbestimmtes Sterben?


„Gott“ bringt den Diskurs um Sterbehilfe auf die Bühne. Die Rollen sind recht stereotyp besetzt: der Chef der Ärztekammer, im Berliner Ensemble gespielt von Ingo Hülsmann, groß, gepflegt, bärtig, Anzug und Krawatte tragend. Die Professorin für Verfassungsrecht an der FU Berlin, im rosa Hosenanzug und stylischen Sneakern. Der Pfarrer, ganz in schwarz und betont konservativ. Nicht zuletzt die Betroffene, Elisabeth Gärtner, besetzt von der reizenden Josefin Platt, mit der man automatisch sympathisiert.


Doch nicht nur in ihren Äußerlichkeiten, sondern auch in ihrer Argumentation erfüllen die Rollen alle Stereotype. Aber ist das für den Sinn des Stückes ernsthaft gut so. Es verdeutlicht, welche Grenzen einzelnen Blickwinkeln der Argumentation gesetzt sind: die Juraprofessorin weiß, dass das Recht Suizidbeihilfe zwar legalisieren, den einzelnen Arzt oder die einzelne Ärztin jedoch zu nichts zwingen kann, dass es also Räume gibt, an die das Recht nicht herantreten kann und soll. Der Chef der Ärztekammer betont die unter Fachleuten vertretene Sorge, dass Ärzt*innen nun zum Suizid gezwungen und ihre auserkorene Rolle "der Heilenden“ verlieren. Alle bekommen ihren argumentativen Platz, dürfen wütend, pathetisch und abstrakt werden. Über den einzelnen Fall der Betroffenen wird aber oft schnell hinweggefegt. Dabei soll das Stück verdeutlichen: zwar können Leben und Tod groß diskutiert werden, letztlich geht es jedoch einzig und allein um die Entscheidung im individuellen Fall.


Die Frage „Wem gehört mein Leben?“ erscheint dem Einen womöglich zu groß und dem Anderen vermutlich zu banal. „Medizinethik“, das wird von vielen augenverdrehend abgetan, in der Schule und den Feuilletons wurde es schon zu oft diskutiert. Doch schafft es Ferdinand von Schirach, trotz der auf der Bühne kreuz und quer geführten Diskussion, den Einzelnen auf sich selbst und sein oder ihr eigenes moralisches Gefühl zurückzuwerfen. Während die jüngere Generation bei Selbstbestimmung eifrig nickt, macht sich beim Monolog von Bettina Hoppe unter der älteren Generation zustimmendes Gemurmel breit: zwar leben wir in einer Zeit, in der Selbstbestimmung – über das Leben, die Identität, die Sexualität und vieles mehr – hoch geschätzt wird, doch geht damit auch eine große Einsamkeit einher. Anstatt einer Suizidgefährdeten zu helfen, uns um sie zu kümmern, und das Moment der Fürsorge in den Vordergrund zu rücken, lassen wir sie mit Berufung auf die Selbstbestimmung „einfach so gehen“. Das Gegenargument die Frage: Wem gehört mein Leben? Meinen Freunden, meiner Familie, vielleicht sogar einem Staat - oder doch tatsächlich einzig und allein mir?


Dass das Publikum am Ende selbst abstimmen, „Gott“ spielen und urteilen muss, hat seinen Sinn sicherlich nicht nur im Mitmachspaß oder der Anregung zu einer lebhaften Diskussion hinterher. Vielmehr zwingt es zum selbstständigen Urteil, zur Positionierung. Augenverdrehendes Abtun in Sachen Medizinethik, weil man das alles schließlich sowieso schon tausend Mal gehört hat, bringt einen nicht ganz so weit. Womöglich betritt man das Theater mit einer bestimmten Meinung zur Sterbehilfe, und geht auch mit der selben wieder heraus – doch mit besseren und reflektierten Gründen. „Gott“ verdeutlicht, dass die Dinge oft komplexer sind, als sie scheinen, vor allem die eigene Meinung. Das ist eine ziemlich sinnvolle Randnotiz. Vor allem aber zeigt es, wenn die Hände in die Luft ragen, zögerlich oder fest entschlossen, dass man Gott nur für sich selbst spielen kann, nicht aber für die Anderen. Allein für diese Erkenntnis lohnt sich das Stück.


„Gott“ wird derzeit an unterschiedlichen deutschen Theatern wie dem Berliner Ensemble unter Regie von Oliver Reese, dem Düsseldorfer Schauspielhaus unter Robert Gerloff und künftig auch im Altonaer Theater in Hamburg unter Axel Schneider und dem Residenztheater in München unter Max Färberböck aufgeführt. Fast alle Karten sind schon ausverkauft – eine Fernsehaufführung soll aber noch folgen. Wenn das alles nicht hilft, kann man das Stück, herausgegeben vom Luchterhand Verlag, auch einfach lesen.