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„Herkunft“ von Saša Staníšić: die (Un)Gerechtigkeit des Zufalls

In seinem Roman „Herkunft“ erzählt Saša Staníšić teils fiktional, teils autobiographisch seine Geschichte vom Aufwachsen, Fliehen und Ankommen, oder eben: die Geschichte seiner Herkunft. Derzeit wird "Herkunft" an verschiedenen Häusern auch als Theaterstück aufgeführt. Eine Empfehlung von Anna Maria Grill und Marie Müller-Elmau


© Jolanda Olivia Zürcher.


1992 floh Staníšić mit seinen Eltern aus dem früheren Jugoslawien nach Deutschland, wo er seither lebt. In seinem Buch geht der Autor der Frage nach der Herkunft auf den Grund: Ist Herkunft das gleiche wie Heimat? Wie wichtig ist sie für Identität? Ändert sie sich, oder ist sie eine unwandelbare Tatsache, die einem für immer anhaftet? Letztlich wird vor allem eines deutlich: Herkunft ist Zufall. Genau das versuchen derzeit unterschiedliche Regisseure an deutschen Theatern zu rekonstruieren. Am Volkstheater in München hat der Regisseur Felix Hafner dazu den Charakter „Saša Staníšić“ auf sechs Schauspieler verteilt, sie alle repräsentieren ihn zu unterschiedlichen Lebensphasen. Es gibt den, der seine alte Heimat, Jugoslawien, verherrlicht, den, der sich davon lösen will, den jungen Saša in Heidelberg und den heutigen Schriftsteller in Hamburg.


Regelmäßig wird ein roter Würfel über das Bühnenbild geworfen, und entsprechend der angezeigten Zahl nimmt die Geschichte einen bestimmten Verlauf – nach dem Zufallsprinzip also. Wie auch das Ende des Buches nach dem Prinzip ‘Choose your own adventure’ verläuft, haben die Schauspieler unterschiedliche Varianten der Fortsetzung geprobt, was bedeutet, dass jeder Abend etwas anders abläuft. Die Betonung auf dem Zufall, die Sprache und die extra für das Stück komponierte Musik haben Pathos und Wirkung: Das Stück bewegt, es verknüpft den Begriff der „Herkunft“ mit Gefühl, ohne kitschig zu sein. Denn „Herkunft“ ist nicht nur Zufall, sondern auch besonders persönlich. Und nicht zuletzt: politisch. “Woher kommst du?” – nicht alle können diese Frage gleich leicht beantworten. Wie im Stück gezeigt wird, bleiben deutsche Ausländerbehörden bei Befragungen kalt angesichts warmer Erinnerungen, wie dem Wetter am Tag der Geburt oder der besonders nahestehenden Großmutter. Es geht um die bürokratische Erfassung von Informationen, Daten, Zahlen: “Schweifen Sie nicht ab.” Doch darauf lässt sich Herkunft nun selten reduzieren. Sowohl der Roman als auch das Theaterstück stoßen an, über Gleichberechtigung und Gleichbehandlung zu reflektieren, über Vorurteile, Ausgrenzung und Zugehörigkeit. Und nicht zuletzt: über die (Un)Gerechtigkeit des Zufalls.


Wo es noch gezeigt wird: München (ausverkauft, Abendkasse), Oberhausen, Hamburg (12.2020), Berlin (04.2021).

Saša Stanišić: Herkunft, Luchterhand, München 2019; 360 S., 22,– €, als E-Book 17,99 €.