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Ist Protest instagrammable?

Ob Konzert, Ausstellung, überteuerte Bäckerei mit Blumendeko - das Handy wird gezückt, Geotag und Hashtag. Neue Schuhe, #outfitinspo oder #ootd, Feierabendbier und Trüffelpasta - #goals. Schon lange ist Instagram nicht mehr nur die Plattform mit den schönen Bildern, sondern dient vor allem kommerziellen Interessen. Wie authentisch ist es also, dort zu protestieren?


von Anna Maria Grill

© Jolanda Zürcher


Es ist nicht mehr zu leugnen - die sozialen Medien bestimmen mehr als #trends, sie bestimmen das ideale Leben: Markenwahn, das perfekte Hochzeits-, Schwangerschafts-, Diätsfotoshoot, die perfekten Maße - wieso nicht Lippen (und wieso hier aufhören?) aufspritzen, um dem zu entsprechen. Um authentisch zu wirken schreibt man #nofilter - ironisch, wie viel Möchtegern und Plastik auf Instagram zu finden ist.


Es wird auch so weitergehen, denn Instagram ist nicht nur ein selbstlobendes Spiegelbild,

sondern auch ein Werkzeug, bei dem sogenannte Influencer mit Likes Geld verdienen können. Ob durch Kleidungssponsorships oder ungesunde Diätpillen - nichts ist dem Schneeballsystem zu skurril.


Auch bei den Black Lives Matter-Protesten dieses Jahr haben wir das Ausmaß dieser

Schneeballsysteme miterlebt. Selbstproklamierte Influencer, die auf Straßen voller Protestler*innen in einem wohlüberlegten Outfit mit einem kreativen Schild ihre beste Seite präsentieren. Das hat wenig mit Protest zu tun. Der Schneeball scheint nicht unaufhaltbar - und schneeweiß ist er auch passend repräsentiert. Der Protest ist Kulisse, vielleicht Hilfsmittel für diese extra tausend Likes - #blm. Wie viel ist ein Instagram-Account wert? Kann man den Preis eines legitimen Protestes dafür einfordern, diesen diskreditieren und lächerlich machen in den Augen von manchmal religiösen und ungebildeten Followern?


Influencer, so nett wie sie sein mögen und sich für gute Dinge einsetzen können, werden

letztendlich durch ihre Gefolgschaft gefördert - und bezahlt. Influencer, gut oder schlecht, sind die Blutegel der Online-Community. Ob sie sich da vom gesellschaftlichen Gefolgszwang, der Moral, eines Protestes oder der unschuldigen Spenden der Follower bedienen, ist nur Detail. Und gefolgt wird blind - mit offenen Augen solche verschmäht, die am bestimmten Tag keinen schwarzen Ziegel oder ähnliches auf den sozialen Netzwerken gepostet haben. Wer nicht solidarisch Bilder, Stories und Posts teilt, kann nicht solidarisch und beteiligt sein - if you don’t post, you don’t care.


Die Linie in den sozialen Netzwerken zwischen (gesponsorter) politischer

Meinungsverbreitung und privater Teilhabe am Leben von anderen ist kaum mehr zu

unterscheiden. Die Wiederholungen der Fake News Theorie durch Ex-US-Präsident Trump haben zweierlei erreicht: bloß nicht das glauben, was online gepostet wird, aber gleichzeitig mit allen Mitteln gegen diese Dummheiten ankämpfen - das natürlich auch online. Aber kann ein einziger Post die politische Meinung oder Gesinnung ändern? Macht es einen zu einem besseren Menschen, selbst den „guten” Trends zu folgen? Früher waren es E-Mails oder Facebook Beiträge, die man weiterleiten oder liken musste, damit ein krankes Kind wieder genesen sollte; heute sind es Protestgründe, die schlimmstenfalls falsch interpretiert und für Follower und Geld eingesetzt werden.


Wie viel ist ein Instagram Account wert? Wenn du denkst, dass du mehr Follower

ergatterst und „cooler” bist, weil du einen bestimmten Hashtag benutzt oder etwas unbeteiligt und uninformiert teilst, dann bekräftigst du damit leider Herrn Trump. Protest, genauso wie politische Meinungsbildung und begründete Kritik von allem Erdenklichen, muss an einem Ort stattfinden können, an dem viele Leute damit in Kontakt treten - in anderen Worten, sollte „instagrammable” sein. Aber der Preis, den wir dafür zahlen, sollte nicht unsere Integrität sein und nicht auf Kosten von Opfern gehen - auch wenn es die Followerzahl herunterzieht.


Dieser Artikel stammt aus der Printausgabe "Protest & Widerstand". Die gesamte Ausgabe könnt ihr hier bestellen.