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Polizeikulturen – wieso kein Wandel der Praxis ohne einen Wandel der Organisation möglich ist (2/4)

Wenn im Rahmen periodisch iterierter Diskurse über Polizei und Polizeigewalt debattiert wird, fällt auf, dass meist vom Ergebnis ein Rückschluss auf die Ursache gezogen wird. Eine neue rechte Chat-Gruppe fliegt auf? Dann liegt es daran, dass sich in den Reihen der Polizei Nazi-Netzwerke finden! Die Polizei schlägt über die Stränge? Das muss daher kommen, dass Polizist:innen eine erhöhte Gewaltbereitschaft besitzen! Dabei wird nicht gesehen, dass auch diese vermeintliche „Ursache“ ihrerseits nur das Resultat einer tieferliegenden Causa ist. Will man also die Gemengelage des Themas „Polizei“ besser verstehen, empfiehlt es sich, diese „Effektkette“ in die entgegengesetzte Richtung zu gehen. Ein guter Ausgangspunkt ist hierbei die Organisationskultur bzw. -kulturen der Polizei.


von Moritz Wessely / Veris Advocacy


© Nora Hüttig


Für ein tieferes Verständnis des Agierens und Reagierens von Organisationen sowie ihrer Subjekte ist eine Analyse der ihr zugrundeliegenden Kultur(en) unerlässlich. Eine „Kultur“ ist ein Bedeutungsrahmen, in dem Ereignisse und gesellschaftliche Prozesse verständlich, beschreibbar und darstellbar sind. Damit stellt die jeweilige Kultur einen Interpretationsrahmen dar, der sowohl intern als auch extern anwendbar ist.


Auch in und um die Institution Polizei existieren Kulturen und davon abgeleitete Subkulturen. Die zwei prägnantesten unter ihnen werden in den Polizeiwissenschaften als „Polizeikultur“ (PK) bzw. „Polizist:innenkultur/ Cop Culture“ (CC) bezeichnet.


Die PK stellt ein Bündel von Wertebezügen dar, die als übergeordneter Kodex das Alltagshandeln von Beamt:innen ermöglichen, aber auch begrenzen sollen. Sie arbeitet mit Leitbildern, welche top-down in politischen Prozessen festgelegt werden und wird durch diese ausdefiniert. Das Ergebnis sind „Wunschbilder“, die ein „freundliches“ Polizeibild erzeugen, jedoch für die Praxis polizeilichen Handelns – insbesondere in Konfliktsituationen – keine Handlungsvorgaben bieten.


Der Gegenentwurf hierzu ist die CC. Entstanden in bottom-up Prozessen und damit weitaus diverser über die verschiedenen Polizeien und Untergliederungen hinweg, bietet sie eine komplexitätsreduzierende Praxisanleitung für Polizist:innen. Im Gegensatz zur „freundlichen“ PK steht sie unter der Prämisse einer permanenten, vom „Gegenstand“ polizeilicher Arbeit ausgehenden Bedrohung. In den Auswirkungen auf die Angehörigen dieser Kultur zeigt die CC eine androzentrische und institutionspatriotische Wirkung und schottet sich so gegen Kritik von außen ab. Während PK versucht, ein „Wir“ zu erzeugen, das Bürger:innen und Polizeiangehörige einschließt, erzeugt die CC eine Dichotomie von „Wir und bzw. gegen die Anderen“.


Sowohl CC als auch PK besitzen in ihrer Zielrichtung Berührungspunkte. Auf einer übergeordneten Ebene dienen sie der Beantwortung ethischer Fragen und wollen eine Legitimation polizeilichen Handelns zum Herstellen von Sicherheit und Ordnung erreichen. Weiter gestalten sie das Selbstverständnis der Organisation Polizei aus. Auf der Individualebene schließlich helfen sie dem:der einzelnen Beamt:in, einen persönlichen Bezug zu seiner:ihrer Arbeit herzustellen. Jedoch werden diese verschiedenen Ebenen in PK und CC unterschiedlich ausgefüllt.


In Gegenüberstellung setzt die „freundliche“ PK auf die Betonung universeller Werte, nach denen sich Polizei und Beamte richten – und eine demokratisch ausgeprägte Beziehung zur Öffentlichkeit. Im Gegensatz hierzu tritt die CC für die Abwehr solcher gesellschaftlicher Entscheidungsprozesse ein. Auf der Ebene des Verständnisses als Organisation will die PK innovativ sein und setzt auf wohlwollende Zusammenarbeit. Dem stellt sich die CC mit der Wichtigkeit einer klaren Grenzziehung zwischen einem verlässlichen sozialen Nahraum und der „Außenwelt“ entgegen. Auf der Handlungsebene schließlich propagiert die PK einen kommunikativen, vorurteilsfreien und ausgeglichenen Menschen, während für die CC bestmöglicher Schutz vor der Gegenseite – und wenn nötig Konfrontation zur Durchsetzung polizeilicher Aufgaben – bedeutend sind.


In den Worten des renommierten deutschen Polizeiwissenschaftlers Prof. Dr. Rafael Behr: „Leitbilder sind publizierbar, können jedoch nicht das polizeiliche Handeln anleiten. Die Cop Culture und deren Handlungsmuster leiten im Gegenzug zwar das polizeiliche Handeln an, sind dafür aber nicht publizierbar.“


Während die beschriebenen Schemata natürlich nicht in der Lage sind, die feineren Nuancen und Differenzen, welche sich von Land zu Land oder Polizeiinspektion zu Polizeiinspektion ergeben, zu erfassen, zeigen sie die Diskrepanzen zwischen diesen verschiedenen Kulturtypen der Polizei und das Potential für sich hieraus ergebende Spannungen illustrativ auf.


Ein Paradebeispiel hierfür ist, dass die offiziellen polizeilichen Leitbilder die Thematik polizeilicher Gewaltausübung noch nicht einmal im Ansatz erwähnen und so zumindest halbbewusst einen Leerraum schaffen, den die CC zwangsläufig füllen muss. Gleichzeitig wird so verhindert, dass Beamt:innen die PK nicht nur als eine Polizeikultur, sondern auch als Polizist:innenkultur begreifen und sich damit identifizieren können, da die persönlich erlebte Alltagsrealität, die notwendigerweise auch Gewaltanwendung umfasst, in den Leitbildern nicht zur Sprache kommt bzw. in der PK keine Akzeptanz findet.


Indem in dieser Thematik also gleich Palmström dem Morgenstern'schen Aphorismus gefolgt wird, bleiben echte Lösungsstrategien aus.


Dies ist ein Gastbeitrag von Veris Advocacy. Veris ist eine fächerübergreifende Studierendeninitiative, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, über neutrale Research-Arbeit, politische Mediation und gesellschaftliche Aufklärung Rechtsstaatlichkeit und Demokratie zu stärken. Ihr erstes Fokusgebiet ist das Thema „Innere Sicherheit und Polizei in Deutschland“. Mehr Infos und eine Mitgliedschaftsbewerbung finden sich unter https://veris.legal/.