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Recht hat, wer utopisch denkt

Ein Kurzkommentar

von Lionel Schorr


© Konstantina Stefou


Der Kopf ist schwer, es fühlt sich so an, als hätte sich ein schwerer Nebel über das Gehirn gelegt. An Denken ist nicht zu denken, auch Bewegungen sind nur mit größter Anstrengung durchzuführen. Es besteht eine generelle Unlust, irgendetwas zu tun, aktiv zu tun. So fühlt sich tiefe Müdigkeit an.


Eine ähnliche bleierne Müdigkeit legt sich oft über uns, wenn wir über unsere Gegenwart nachdenken, gerade wenn wir sie mit einem Ort vergleichen, der in der unerreichbaren Zukunft liegt und an Schönheit nicht zu überbieten ist. Eine solche Vision für eine schöne Zukunft, diese Idee für einen sogenannten „Nicht-Ort“, wird als Utopie bezeichnet. Die Utopie stellt einen positiven Gegenentwurf zu der gegenwärtigen Gesellschaftsordnung dar. Im alltäglichen Sprachgebrauch ist jedoch das Element der Unausführbarkeit der Vision genauso wichtig wie das Element der Zukünftigkeit. Daher rührt auch die oftmals negative Konnotation, die mitschwingt, wenn man zu hören bekommt: „Das ist doch utopisch!“.


Aber ist nicht gerade die Unausführbarkeit das Schöne an Utopien? Wieso werde ich immer wieder an sie erinnert, als würde sie eine Gefahr darstellen? Wenn ich anfange zu träumen, bekomme ich als Reaktion ein müdes Lächeln oder ein „Hör doch auf!“ Aufhören möchte ich aber nicht. Ist das bloß eine trotzige Reaktion? Vielleicht. Vielleicht ist das utopische Denken aber absolut elementar, um sicherzustellen, dass all die gesellschaftlichen Fortschritte, die wir uns erarbeitet haben, geschützt und beschützt werden.


Es lohnt sich zu träumen, weil ein gesellschaftliches und rechtliches System, das von konstanter Veränderung und Anpassung lebt, nur dann florieren kann, wenn sich eine Gesellschaft erlaubt, utopisch zu denken. Das Recht unterliegt einem ständigen Wandel und ist stetig in Bewegung. Damit das Rechtssystem auch weiterhin in Bewegung bleibt, muss das Träumen nicht nur erlaubt sein, sondern es muss gefördert werden.


Vor dem utopischen Denken muss man sich nicht fürchten. So läuft es parallel zum politischen Prozess, es will ihn gar nicht ersetzen, höchstens beeinflussen. Wenn wir zurückdenken, macht uns die „I have a dream...“-Rede von Martin Luther King Jr keine Angst; im Gegenteil – sie bewegt und beflügelt uns. In dieser Rede zeichnet MLK jedoch eine Gesellschaft, in der Schwarze und Weiße gleichberechtigt leben können. Damit zeichnet er eine Utopie. Und trotzdem hat sie den politischen Prozess und die gesellschaftliche Sicht auf das Thema so beeinflusst wie nur wenige Reden vor ihr und zu handfesten Veränderungen geführt. Heute kann ich mir eine solche Rede nicht vorstellen, – ihr würde keine Beachtung geschenkt und sie würde belächelt werden. Warum ist das so?


Seit über 30 Jahren sind Utopien und ist das utopische Denken out. Jürgen Habermas schrieb schon 1985, dass die „utopischen Energien“ „erschöpft“ seien. 1990 erklärte Francis Fukuyama das „Ende der Geschichte“. Wieso also über Utopien nachdenken, wenn das Ende der Geschichte erreicht ist? Genau aus dem Grund, dass das Ende der Geschichte eben noch nicht erreicht ist. Der Welt basiert noch immer auf grundlegenden Ungleichheiten und wir hechten von Krise zu Krise: Wirtschaftskrise, Klimakrise, Migrationskrise, Pandemie – eine perfekte Welt? Nein, natürlich nicht!


Es ist klar, dass eine Utopie es nicht schaffen kann, eine Lösung für alle grundlegenden Probleme zu bieten. Aber das ist auch gar nicht ihre Aufgabe. Ihre Aufgabe liegt vielmehr darin, einen Gegenentwurf zur gegenwärtigen Lage darzulegen. Die Gegenwart kann sich sodann langsam anpassen, um dem Gegenentwurf näher zu kommen. Wenn es einen solchen Gegenentwurf gar nicht erst gibt, muss man sich fragen, wo sich die Gesellschaft denn hinbewegen sollte.


Das Argument „Die Utopie haben wir schon probiert! Schau doch, was Stalin angerichtet hat!“, um ein utopisches Denken zu unterbinden, entpuppt sich als Nicht-Argument. Die Schreckensdiktaturen, die in sozialistischen Systemen stattgefunden haben, wurden nicht dadurch ausgelöst, dass über eine bessere Gesellschaft nachgedacht wurde, sondern dadurch, dass die marxistische Idee von einzelnen Menschen auf furchtbarste Weise missbraucht wurde, um eine Gesellschaft zu errichten, die einzig ihren Vorstellungen (und nicht den utopischen, auf den sie basiert), folgt. Wir haben aus den Erfahrungen mit dem Sozialismus gelernt, dass es kein Handbuch für das Errichten einer Idealgesellschaft gibt. Hier ist aber wieder an die Rolle von Utopien zu denken. Eine Utopie soll nicht direkt umgesetzt werden; sie soll ein Bild zeichnen, wie eine Gesellschaft aussehen könnte. Dieses Bild kann zum Ausgangspunkt genommen werden, um Anpassungen an der gegenwärtigen Gesellschaftsform vorzunehmen.

Als ich vor Kurzem ein Buch mit dem Titel „Israel – eine Utopie“ gelesen habe, in dem von OmriBoehm eine Vision für einen ethnisch neutralen Staat Israel entworfen wird, war die einzige Reaktion aus meinem Umfeld, dass dies nicht umsetzbar sei und es sich daher nicht lohne, darüber nachzudenken. Aber darum geht es doch gar nicht! Es geht darum, aus dem Denken auszubrechen, dass Veränderung überhaupt gar nicht mehr möglich ist. Wir sind uns doch alle einig, dass Veränderung in vielen Bereichen zu wünschen wäre, aber sie wird in jeder Hinsicht abgewehrt. Die Angst vor Trial-and-Error – selbst im eigenen Kopf!


Oft wird den Träumern auch entgegengehalten, dass die Utopien nicht nur nicht umsetzbar seien, sondern dass Träumen gar nicht erst erlaubt sein sollte, da es echte, handfeste Krisen zu lösen gebe. Aber auch dieses Schein-Argument basiert auf einem Missverständnis. Es ist in der Tat die primäre Aufgabe der Politik, das Wohlergehen der Bürger im Hier und Jetzt zu sichern. Aber darin wird sie nicht gehindert, wenn ein allgemeines Träumen und utopisches Denken gefördert wird. Krisen gilt es nämlich nicht nur zu lösen, sondern auch vorzubeugen. Das utopische Denken kann im Laufe der Zeit in den politischen Prozess durchsickern, um dem Ziel eines besseren Zusammenlebens näher zu kommen. Gerade in Krisenzeiten sind Menschen mehr als sonst bereit, grundlegende Diagnosen wahrzunehmen, über Zusammenhänge nachzudenken. Dies sollte gefördert werden!


Vielleicht fällt es vor allem Juristen schwer, es sich zu erlauben, über Utopien nachzudenken, besteht doch unser ganzes Denken auf der Annahme, dass das Rechtssystem, so wie es existiert, eben existiert. Aber das utopische Denken sollte gerade vor dem Hintergrund der Verteidigung unseres Rechtssystems und unserer Werte ermuntert werden. Ich wende mich daher an alle, wenn ich sage: Habt Mut, euch nicht nur eures Verstandes zu bedienen!




Mehr Texte zu Utopien könnt ihr in unserer Printausgabe "Utopien & Apokalypse" lesen:

https://www.rechtverblueffend.com/product-page/volume-3-utopie-und-apokalypse.