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Ruth Bader Ginsburg: Ein Nachruf

Ruth Bader Ginsburg ist gestern im Alter von 87 Jahren gestorben. Ihr juristisches Schaffen stand im Zeichen der Gleichberechtigung von Frauen. Ein Nachruf von Marie und Olivia Müller-Elmau


© Jolanda Olivia Zürcher.

Take your feet off our necks!


”I ask no favor for my sex", sagte Ruth Bader Ginsburg neun männlichen Geschworenen auf der Richterbank ins Gesicht - „All I ask of our brethren is that they take their feet off our necks.” Damit zitierte sie Sarah Grimké, eine amerikanische Abolitionistin und frühe Feministin. Es war einer der ersten Anti-Diskriminierungsfälle, die Ginsburg vertrat. Sie verteidigte Susan Struck, eine schwangere Frau in der amerikanischen Air Force, der ihr Jobverlust angedroht wurde, würde sie ihr Kind nicht abtreiben. R.B.G. argumentierte so: Da keine einzige Regelung in der Air Force Männer davon abhielt, Kinder zu haben, diskriminierte die amerikanische Regierung Stuck „on the basis of sex“ – auf Grundlage des Geschlechts. Ruth Bader Ginsburg gewann und die Air Force änderte ihre Regelungen. Es war einer der ersten juristischen Meilensteine, den RBG im Kampf um die Gleichberechtigung von Frauen legte.


Der Lebensweg von R.B.G.


Ginsburgs juristische Karriere begann in Cornell, wo sie ihren Partner Martin Ginsburg kennenlernte. Später wechselte sie nach Harvard, und saß als eine der 9 Frauen unter 500 männlichen Studenten im Hörsaal. Zu Beginn ihres Studiums ließ der Dekan einmal alle Studentinnen aufstehen, um zu fragen, warum sie auf einem Platz säßen, den ein Mann hätte einnehmen können, wie Bader Ginsburg im Film „Notorious R.B.G.“ von 2018 beschreibt. R.B.G. antworte daraufhin, sie sei ein Jahr unter ihrem Ehemann und wollte mehr über seine Arbeit erfahren, damit sie eine geduldigere und verständnisvollere Ehefrau sein könnte. Frauen durften damals zwar erstmals an die Harvard Law School, aber ihre Ambitionen sollten sie gefälligst für sich behalten – so auch Ruth Bader Ginsburg. Als ihr Mann mit Krebs diagnostiziert wurde, kümmerte sie sich um ihn und ihr gemeinsames Kind, nahm an all seinen Seminaren teil und half ihn mit seinen Prüfungen, und das alles neben ihrem eigenen Studium. Nach jahrelanger harter Arbeit machte sie trotz aller Widerstände schließlich ihren Abschluss an der Columbia Universität.


Aber auch nach der Universität hatte es eine Juristin im Amerika ihrer Zeit alles andere als einfach: Ginsburg suchte verzweifelt nach Jobs. In der juristischen Branche wurden weibliche Anwältinnen nicht ernst genommen. Als Felix Frankfurter 1948 den ersten afro-amerikanischen Richter aufnahm, weigerte er sich immer noch, eine Frau anzustellen. Und das auch noch, nachdem ihm versichert wurde, dass Ginsburg keine Hosen trug! Bader Ginsburg erlebte die Ungleichbehandlung von Frauen am eigenen Leib, was sie wohl auch dazu brachte, als Professorin Seminare über Frauen und Recht zu geben, ein bis dato vernachlässigter Zusammenhang. Als Anwältin nahm sie sich bald strategisch der Fälle an, mit denen sich vor dem Supreme Court Änderungen hin zu einem geschlechtergerechteren Recht verfolgen ließen. Einer nicht einfachen Aufgabe, gegeben, dass sie die Geschworenen zunächst davon überzeugen musste, dass Frauen in der amerikanischen Gesellschaft überhaupt auf problematische und ungerechte Weise anders behandelt wurden als Männer. Nachdem sie 5 von ihren 6 Fällen zur Gleichberechtigung von Frauen vor Gericht gewonnen hatte, strebte sie erstmals eine Karriere als Richterin an. 1980 wurde sie durch Jimmy Carter als Richterin am Bundesberufungsgericht für den District of Columbia ernannt. 1993 nominierte Bill Clinton sie schließlich zur Richterin am Supreme Court. Sie war die erste von einem demokratischen Präsidenten ernannte, und jüdische Richterin am Supreme Court und die zweite Frau überhaupt, der diese Ehre zuteil wurde.


"The Notorious R.B.G."


Ruth Bader Ginsburg – the Notorious R.B.G, wie Fans sie tauften, wurde gerade in den letzten Jahren seit Trumps Präsidentschaft zu einer feministischen Ikone der Popkultur, einer Comic-Superheldin. 2018 erschien sowohl der hier zitierte Dokumentarfilm „Notorious R.B.G“ als auch der Spielfilm „On the Basis of Sex“ mit Felicity Jones in der Hauptrolle über ihr Leben und Schaffen. Richter*innen am obersten Verfassungsgericht haben selten „Fans“, und werden nie mit Rappern verglichen, ihre Gesichter und Zitate schon gar nicht auf T-Shirts oder Kaffeetassen gedruckt. Ruth Bader Ginsburg aber, die zurückhaltende und zierliche Frau, die bedacht und gewählt auftrat und sich niemals ins Rampenlicht drängte, wurde ein Symbol der Hoffnung im Kampf um mehr Geschlechtergerechtigkeit und Gleichbehandlung aller, gerade auch für viele junge Amerikaner*innen. Auf die Frage, ab wann genügend Frauen den amerikanischen Supreme Court besetzen würden, antwortet sie in „Notorious R.B.G.: „Wenn es neun gibt.“ Denn, warum eigentlich nicht? Schließlich sei es auch kein Unding gewesen, dass es für einen Großteil der amerikanischen Geschichte einen rein männlichen Gerichtshof gegeben habe.


To do something outside oneself.


Gestern ist sie mit 87 Jahren gestorben. Sie wollte unbedingt noch bleiben, in einer so wichtigen und entscheidenden Zeit wie jetzt. Ihr größter Wunsch sei es, nicht ersetzt zu werden, bis ein neuer Präsident gewählt wurde, so R.B.G. im Dokumentarfilm. Trump kann nun die Chance nutzen, ein noch konservativeres Gericht zu besetzen, eins, gegen das R.B.G. fast ihr ganzes Leben lang mit strategischer Prozessführung und ihrer eigenen Arbeit als Richterin angekämpft hat. Der Film „Notorious R.B.G.“ endet damit, wie die beinahe 90-jährige, zierliche, fast gebrechliche Frau Gewichte stemmt, um fit zu bleiben. Auf ihrem T-Shirt der Slogan: ‚Super Diva.‘ Sie wollte als eine Frau in Erinnerung bleiben, die die Dinge mithilfe der Fähigkeiten, die sie besitzt, ein bisschen besser macht: „To do something outside myself.“ Ruth Bader Ginsburg, die zeitlebens mit juristischen Mitteln die Gleichberechtigung von Frauen voran getrieben hat, hat dies sicherlich erreicht.