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  • Olivia Müller-Elmau

Wen wollen wir erinnern und wie?


Ein Sklavenhändler versenkt im Hafenbecken, ein blutrot verschmierter Bismarck, ein auf dem Boden liegender Kolumbus – Black Lives Matter Aktivist*innen erschufen im vergangenen Jahr signalstarke Bilder in den USA und in Europa. Das Stürzen und Verunstalten der Statuen von aus heutiger Sicht ethisch zumindest ambivalenten Personen hat seinen Zweck nicht verfehlt: Es brachte den Protestierenden und ihrem Ziel, Rassismus zu beenden und die koloniale Geschichte ihrer Länder aufzuarbeiten, medial viel Aufmerksamkeit ein. So kann das Statuenstürzen sicherlich als wirksame Protestaktion für ein wichtiges gesellschaftliches Anliegen bezeichnet werden. Wie aber sollte oder muss auf die aktivistischen Handlungen von Politik und Öffentlichkeit reagiert werden?


von Olivia Müller-Elmau

© Jolanda Olivia Zürcher.


Alte rassistische Herren mit Schnauzern


Die Statuen in unseren Städten verkörpern oft alte Herren mit gewaltigen Schnauzern, die auf hohem Reitersitz über die Stadt hinwegblicken oder sich, die Brust geschwollen, auf Säbel stützen: Häufig strotzen historische Statuen im öffentlichen Raum vor Nationalstolz, Pathos und Patriotismus. Heute würden wir viele Statuen nicht mehr so aufstellen, sie entsprechen weder unserer Ästhetik, noch dem Zeitgeist und zum Teil auch nicht mehr den Werten, die wir heute hochhalten. All die Staatsoberhäupter und Generäle, die in stattlicher Pose unsere öffentlichen Räume zieren, wurden einmal durch staatliche Hand an ihren Platz gestellt. Zum Zeitpunkt ihrer Errichtung sollten die dargestellten Persönlichkeiten aufgrund ihrer Leistungen im Sinne eines Volksinteresses kollektiv erinnert und als Ehrenmitglieder bewundert werden. Auch um Denkmäler anderer Art, wie Straßennamen, Monumente und Inschriften, die an historische Personen mit rassistischem Hintergrund erinnern, sind in den letzten Jahren Debatten entbrannt. Der Fokus der Black Lives Matter Aktivist*innen aber richtet sich vor allem auf die Statuen: Sie verkörpern und glorifizieren die historischen Persönlichkeiten, oft repräsentieren sie sogar einen zum Zeitpunkt der Errichtung existenten Personenkult. Einer Statue kann in einer Protestaktion stellvertretend für ihr historisches Vorbild Schuld und Verantwortung für das Bestehen rassistischer Strukturen zugewiesen werden. Das Versenken der Statue Colstens im Hafenbecken Bristols beispielsweise war nicht zuletzt deshalb eine so wirksame Protestaktion, weil sie als um Jahrhunderte versetzte Gegenwehr Schwarzer Aktivist*innen gegen den Sklavenhalter gewertet werden konnte, der im siebzehnten Jahrhundert tausende Afrikaner*innen in die Karibik und nach Amerika verschiffen ließ.


Gleichzeitig sind solche Aktionen eine konkrete Kritik gegen heutige Staaten, die Statuen weiterhin auf ihren Sockeln stehen lassen. Die Errichtung einer Statue mag Jahrhunderte zurück liegen, aber die Statuen, die immer noch unseren öffentlichen gesellschaftlichen Raum zieren, haben noch immer Signalwirkung. Sie sind eine Form der Herrschaft über den öffentlichen Raum, wie etwa der Historiker Kim Todzi in einem Interview mit der Zeit sagt. Statuen sind eine Frage der Erinnerung und Ehrung von Geschichte und den Menschen, die sie beeinflusst haben. Aber sie sind eben nicht eine Frage der Vergangenheit. Es ist verständlich, dass sich BIPoC (Black, Indigenous, People of Colour) beleidigt fühlen, wenn sie tagtäglich an den Ehrendenkmälern von Männern vorbeilaufen müssen, die in den Sklavenhandel oder koloniale Verbrechen verwickelt waren oder die amerikanische Konföderation unterstützten.


Ent-innern und auf den Sperrmüll mit ihnen?


Die Rechte und Interessen von Minderheiten zu schützen ist per se ein wichtiges Anliegen unserer Demokratie, was schon allein einen guten Grund abgibt, den Forderungen der BLM-Protestierenden zuzuhören oder sich mit den Statuenstürzungen auseinanderzusetzen. Welche Statuen aber unsere öffentlichen Plätze zieren, liegt nicht nur im Interesse der Minderheit: Als Teil der Erinnerungskultur eines Landes sind sie Teil einer aus der Historie entwickelten Identität einer Gesellschaft. Die Frage danach, wer wie erinnert werden soll, ist so auch eng mit den Werten und Prinzipien verbunden, die uns erst eine kollektive Identität als Gesellschaft geben. So geht es alle an, welche Statuen denn nun stehen bleiben, auch die, die eben nicht von rassistischer Diskriminierung betroffen sind. Wie also sollten wir als Gesellschaft, als Staat, Bürger*innen und Medien mit den Statuenstürzungen umgehen? Sollte man Denkmäler den Aktivist*innen freigeben, sie ihnen zur Verfügung stellen, sodass diese sie zerstören, versenken und beschmieren können, um die Erinnerung an die betreffende Person zu entehren? Sollte dies dann als Befreiung von Rassismus durch die Medien gefeiert werden, wie dies teilweise getan wurde? Sollte der Staat vorsorglich möglicherweise problematische Denkmäler abbauen und verschrotten oder vor den Augen der Öffentlichkeit verbergen? Sollten wir, die Gesellschaft, die dargestellten Persönlichkeiten mit dem Verschwinden ihrer Abbildungen aus dem öffentlichen Raum vergessen, sie ent-innern?


Plakativer Aktivismus, wie etwa das Stürzen von Statuen, hat auf ein Interesse von Minderheiten daran, keine Rassisten mehr im öffentlichen Raum zu ehren, aufmerksam gemacht. Die Aktionen der BLM stehen aber auch im größeren Kontext der Forderungen von BIPoC, dass Länder ihre koloniale Vergangenheit aufarbeiten und Verantwortung für sie übernehmen müssen, da die Aufarbeitung von Rassismus in der Geschichte eines Landes eine Basis dafür bildet, Rassismus in der Gegenwart als Problem ernst zu nehmen und sich ehrlich und reflektiert dagegen einzusetzen. Gerade deshalb wäre es falsch, eine offene Auseinandersetzung mit diesen Themen abzukürzen, indem man Statuen vorsorglich entfernte. Dass Statuen gestürzt werden, ist historisch nicht neu. In vielen historischen Umbrüchen von der Antike bis zur heutigen Zeit überall auf der Welt zerstörte man Statuen, die Werte repräsentierten, die man zu überkommen suchte. Diese Praktik transportierte schon immer ein starkes, ein wirksames Bild, wehrhaft und deutlich, aber eben auch verbunden mit Endgültigkeit und Gewalt. Als aktivistische Handlung einer bestimmten Gruppe mag dies seine Berechtigung haben, weil die Aktion die klare Aussage sendet, dass Rassismus ein für alle Mal beendet werden muss. Dass es so eben nicht weitergehen kann.


Anders erinnern


In der Folge solcher aktivistischer Handlungen aber, muss umso offener, vorsichtiger und differenzierter diskutiert werden - über die einzelnen historischen Persönlichkeiten, von ihnen individuell begangene rassistische Handlungen, ihre persönliche Schuld, aber auch über den möglichen künstlerischen Wert einer Statue und die gewählte Darstellungsweise, die sich auf die Erinnerungsweise auswirkt. Denn letztendlich geht es nicht darum, zu vergessen, sich an die eigene Landesgeschichte nicht mehr zu erinnern, sondern darum, die Erinnerung zu hinterfragen, sich ihr bewusst zu sein, sie zu erweitern oder zu modifizieren. Wie ein kollektives, anderes Erinnern aber aussehen kann, das muss in einer offen geführten und inklusiven Debatte zur Diskussion gestellt werden. Es lohnt sich, für die Entfernung von Statuen aus dem öffentlichen Raum, die unzweifelhaft rassistische Personen abbilden, zu kämpfen – aber eben auch darum, die Handlungen einer Person im Vorfeld unter die Lupe zu nehmen und zu prüfen. Wir müssen die Erzählung unserer Geschichte verändern, weil wesentliche Teile unterschlagen, Stimmen zum Verschweigen gebracht worden sind, die Erzählung selbst diskriminiert. Unsere Geschichte, das sind die Geschichten vieler Menschen unterschiedlicher Perspektiven, eigentlich also viele Geschichten, gehörte und ungehörte. An gegebener Stelle sollten wir auch Raum für Ambiguität zwischen diesen Geschichten zulassen. Die Chance nutzen, die Vielfalt der Perspektiven zuzulassen, statt eine andere, aber doch vereinfachende Version der Geschichte zu erzählen. Ob das bedeutet, im Zweifelsfall die Statuen historisch zwiespältiger Persönlichkeiten auf ihren Sockeln stehen zu lassen? Pauschal lässt sich das nicht beantworten. Und es ist auch nicht die einzige mögliche Lösung, problematische Statuen vor dem Blick der Öffentlichkeit zu verbergen. Der Umgang mit solchen Statuen kann vielfältig sein. Eine Möglichkeit ist es, Gegenstatuen aufzustellen, die eine historische kontrastieren, auf Blindpunkte in der Geschichtserzählung aufmerksam macht, oder sie kommentieren. Eine andere Möglichkeit zeigt beispielsweise die Spandauer Zitadelle in Berlin auf, wo politisch-historische abgebaute Statuen ungleich nebeneinander stehen, vom Podest gehoben auch berührt werden dürfen. Aus dem Kontext der Verehrung befreit als historische Zeugnisse erinnert werden können. Als historische Artefakte sind Statuen nicht bloß Aufforderung zur Verehrung und Erinnerung, sondern bringen die Erinnerungsweise ans Licht, als einen historischen, vergangenen Teil der Erinnerungskultur selbst. Sie konservieren so einen Brauchtum der Erinnerungskultur. Sich einer ehemals oder aktuell vorherrschende Erinnerungsweise bewusst zu sein, ist ein wichtiger erster Schritt, um sich von bestimmten Erinnerungsnarrativen zu distanzieren, andere und neue zu wählen und auch Rassismus ehrlich zu thematisieren. Dies stellt einen Grund dar, gestürzte oder stehende kontroverse Statuen nicht zu entsorgen, sondern sich kollektiv zu bemühen, eine Weise zu finden, in der sie der Gesellschaft als Stück Erinnerungsgeschichte erhalten bleiben.


Dieser Ausgabe ist in unserer 1. Ausgabe zu "Protest und Widerstand" erschienen. Erwerben könnt Ihr die Ausgabe hier.